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Robert Weber: Wie ich einmal eine berühmte Schauspielerin fickte, dann aber doch nicht

Die zehn verschiedenen Arten zu lächeln verschwinden nur aus ihrem Gesicht, wenn sie auf ein ernstes Thema zu sprechen kommt, wie den Hunger in der Dritten Welt - doch im nächsten Moment muß sie wieder an die süßen kleinen Negerbabys denken und da ist es wieder. Diesmal das kindlich-liebliche, das mit dem implizierten Kinderwunsch. Sie existiert ja gar nicht. Würde ich sie anfassen wollen, meine Hand ginge glatt durch sie hindurch. Sie ist alles - sie ist nichts. Das, was nach ihrer Schauspielschule von ihr übriggeblieben war, ist nach dem Strassberg-Workshop verschwunden. Entweder bereitet sie sich gerade auf eine Rolle vor oder sie bereitet sich gerade von einer Rolle weg. Wenn sie mittendrin ist, ist sie sowieso nicht ansprechbar. Die Menschen um sie herum sind Filmkameras. Ich frage mich, wie es sein würde, sie zu ficken. Wahrscheinlich fickt sie gut, oder zumindest so, wie sie denkt, daß man gut fickt oder so wie sie denkt, daß es gut aussieht, wenn man gut fickt.

Innen, Großaufnahme: Ihr Gesicht zerfließt vor glühender Leidenschaft, sie ist zärtlich, sie ist intensiv, sie ist kurz vor dem Orgasmus. Ihr Keuchen wird schneller, lauter, jetzt ein Schrei. Ihr ganzer Körper bebt, zittert und fällt schließlich schluchzend in sich zusammen. Schnitt. Außen, Tag. Es regnet. Kamerfahrt auf das russische Restaurant am Wasserturm. Totale erst, dann verkleinert sich der Ausschnitt auf ein Fenster, auf das dicke Regentropfen klatschen. Die Kamera fährt noch näher heran, bis ein einzelner Regentropfen das Bild ausfüllt. Die Fahrt stoppt. Durch den Tropfen sieht man entsprechend verformt einen Mann, Mitte Dreißig, am Tisch sitzen und eine Zeitung lesen.

Kamerafahrt weiter, diesmal schneller, durch den Regentropfen, durch die Fensterscheibe hindurch. Die Kamera setzt sich dem Mann gegenüber auf den Stuhl.

»Entschuldige, daß ich so spät komme, aber das erwartet man ja von Frauen - hi hi hi hi.«

Bis hierhin hätte ich mir noch vorstellen können, mit ihr zu ficken, trotz des albernen, mit weißem Pelzkragen besetzten Mantels (darunter ganz schlicht: T-Shirt und Jeans, Turnschuhe), aber dieses kleine-Mädchen-Kichern soll mir im Laufe unserer Unterhaltung noch so manche Gänsehaut über den Rücken jagen (»Diese süßen Negerbabys - hi hi hi hi«).

Ich bin der vierte Literat, mit dem sie sich heute schon getroffen hat. Es ist halb eins. Ich bin beeindruckt. Was macht sie nur mit all diesen Literaten? Klebt sie sie in ein Briefmarkenalbum oder spießt sie sie unter einer Glasplatte auf eine Stecknadel? Um ihr ein bißchen den Wind aus den Segeln zu nehmen, schieße ich erst mal ein Polaroid von ihr. Das Lächeln verschwindet, macht Platz für professionelles Mißtrauen.

»Was machst du mit dem Bild?«

»Das klebe ich in meine Fickgalerie.« Sag ich natürlich nicht, sondern zeige ihr mein Fototagebuch. Das Lächeln ist sofort wieder da.

»Oh wie toll, oh wie süß, das ist ja originell, du bist wirklich inspirierend.« Gleich nachher wird sie sich auch so eine Kamera kaufen.

Daß sie ihr Handy ausschaltet, als es klingelt, darf wohl als Zeichen ihrer Gunst angesehen werden. Sie hat mir vor zwei Tagen nach einer Lesung eine ihrer mundgemalten Visitenkarten in die Hand gedrückt und mich gefragt, ob eine meiner Geschichten schon mal verfilmt worden wäre? Und weg war sie. Der Name stand über der Telefonnummer, darunter: ruf bitte mal durch. Davor: die Vorwahl von Deutschland. Alles handgeschrieben.

Und jetzt also mir gegenüber. Wir kommen gleich auf das Wesentliche zu sprechen: Die Vorzüge einer hundert Quadratmeter großen Dachterrassenwohnung am Wasserturm mit Badewanne.

»Wenn du mal eine Freundin mit Badewanne« - verschwörerischer Augenaufschlag, nette Bewegung mit der Augenbraue - »dann müßt ihr euch mal gegenseitig mit Olivenöl einschmieren, bevor ihr in die Wanne - also das ist so supertollerotisch« - nochmal die Augenbraue.

Ich: »Kann ich mir vorstellen« und bestell mir ein Bier. Sie läßt sich nichts anmerken. Ist ja auch schon nach 12. Schließlich würde sie ja auch gern einen Schnaps trinken, aber nur den aus Puerto Rico, flambiert, mit Rohrzucker, superlecker. Gibt’s hier leider nicht.

»Na dann, ein Aqua bitte.«

»Wie?«

»Ach, bringen sie mir einfach ein Mineralwasser.«

Bei der Soljanka zittern mir die Hände, ein Stück Räucherwurst hängt mir aus dem Mundwinkel. Sie lächelt. Literaten sind ja so ursprünglich. Das Lächeln verschwindet, ein ernstes Thema kommt auf. Kommunikation.

»Es gibt ja viel zu wenig Kommunikation, seit es dieses Internet. Also ich hab meinen Computer verschenkt und fühle mich seitdem viel freier.«

»Also ich hab viel mehr Kommunikation, seit es dieses Internet. Per e-mail, mit Freunden, die ich sonst längst aus den Augen.«

»Ja, das stimmt. Das Internet ist schon toll.«

Schauspieler können unheimlich gut auf einen eingehen. Ich bestell mir noch ein Bier, das Zittern ist weg und mein Kater verschwunden, halbwegs.

Illustration von Rattelschneck

»Wegen deinem Text, also das war ja so ein toller Text, so natürlich usw. und die Leute haben alle so konzentriert - also ganz toll, auch wie du den vorgelesen. Das kann ja gar kein Schauspieler. Also ich kenne da einen Produzenten.«

»Also hier ist der Text.«

»Kannst du dir vorstellen, den als Drehbuch?«

»Nee, keinen Bock. Wenn ich ein Drehbuch schreiben will, dann schreib ich ein Drehbuch.«

»Du hast ja so recht. Wenn du mal ein Drehbuch, dann sagst du mir aber Bescheid und was du dafür haben willst, für das Exposé. Aber dein Absinth-Text, der ist wirklich, also für einen Kurzfilm, ganz toll. Hast du was dagegen, wenn ich den dem Produzenten mal zeige.«

»Nee, hab ich nicht. Sind noch ’n paar mehr Texte bei.«

»Das ist ja toll. Das ist ja professionell. Man trifft ja heute so wenig Professionelle. Du, ich muß mal für kleine Mädchen, nicht weglaufen, ja, hi hi hi hi.«

Weglaufen. Ja weglaufen. Aber ich kann ja gar nicht weglaufen. Bin noch viel zu fertig von gestern. Aber gehen könnt ich, heim ins Bett könnt ich gehen. Hab ja kaum geschlafen letzte Nacht.

Sie kommt zurück mit hüpfenden Schritten, die Hände in Schulterhöhe. Hi hi hi hi.

»Was ist’n deine nächste Rolle?« - Konversation ist mein Spezialgebiet.

»Du, da sprech ich nicht so gern drüber. Ich spiele eine junge, sensible Frau, die Sex mit einem Mann hat, den sie gar nicht liebt.«

»Das ist ja tragisch.«

»Ja, das ist tragisch und die nur mit ihm Sex hat, weil der Sex so toll ist.«

»Aufregende Rolle.«

»Ja, aufregend. Aber als der Mann dann jemanden erschießt, ist Schluß, weil das geht zu weit.«

»Sensibel.«

»Ja, sensibel.«

»Du, ich muß jetzt wieder ins Bett.«

»Ach, ins Bett? Das ist ja schön. Das werde ich jetzt auch. Man ist ja so privilegiert, wenn man Nachmittags.«

»Ja, als Arbeitsloser ist man wirklich.«

»Also mein Bett ist ja eine Kuschelwiese, mit vielen Kissen drumherum. Wenn da meine Freunde drin sitzen, wollen sie gar nicht mehr aufstehen, so schön ist das.«

»Zahlen bitte.«

»Ach laß mal, ich zahl das für dich.«

»Das muß aber nicht.«

»Doch doch. Drei Euro Trinkgeld. Stimmt so.«

Zum Abschied drückt sie sich an mich, Küßchen hier, Küßchen da, meine Hände an ihren Hüften gehen glatt durch sie durch.

Copyright: Robert Weber

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:06
erstellt von jero

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