Uli Hannemann: Knüllsau
Typisch für meinen Beruf ist diese archaische Form der Entlohnung: Sobald ich mit einem Fahrgast fertig bin, nehme ich ihm dafür Geldscheine weg. Die Scheine stopfe ich mir in die Hosentasche, die schnell prall und praller wird. So ähnlich wie neulich, 20 Uhr 15 im ORB: »Die Sammeltour des Borkenhamsters. Tierreport.«
Wenn gar nichts mehr rein geht, bringe ich das Geld zu Sabine und Susanne, den beiden Bankfrauen in der Hermannstraße. Sie wissen fast alles von mir.
»Tach, Herr Ulrich - wird wohl mal wieder Zeit für die Miete, was?«, fragt zum Beispiel Susanne.
»Tach, Frau Susanne«, nicke ich ihr zu, »nee - Strom ist erst mal wichtiger.«
»Tach, Herr Ulrich«, begrüßt mich Sabine, »sieht ja übel aus auf Ihrem Konto! Wohl ganz schön mau gerade, das Geschäft?«
»Naja, das Bankgeschäft ist momentan auch nicht der Brüller«, tröstet Susanne, bevor ich antworten kann.
»Ich habe Ihnen was mitgebracht«, sage ich.
»Oh nee, nee - er nu schon wieder mit seinen zerknüllten Scheinen«, ruft Sabine mit gespieltem Entsetzen, denn erstens kennt sie das nun schon lange genug und zweitens gebe ich mein Geld sowieso lieber Susanne.
Vor allem im Sommer. Ich beuge mich dann immer weit über den Banktresen, um ihr meine zerknitterten Lappen zu reichen: Daraufhin stößt sie sich mit ihren High Heels vom Schreibtisch ab und rollt auf dem Drehstuhl ein Stück nach hinten zu dem Kasten, in den das Geld geschmissen wird, wobei sie die Beine, die aus einem Hauch von Minirock ragen, ballerinenhaft spreizt. Die Beine sehen ziemlich klasse aus, wenngleich sie nicht mehr die Allerjüngste ist.
Heute ist es aber kalt, ein richtiger Eisbärentag. Trotzdem bekommt Susanne mein Geld und Sabine beobachtet neidisch, wie sie es in Empfang nimmt.
»Mannomann, sind die Scheine zerknüllt«, sagt Susanne wie immer, raschelt und zwickt hier ein Eckchen zurecht, zupft da ein Eselsöhrchen gerade und glättet dort einen Riß.
»Tjaha«, entschuldige ich mich.
»Also, die Scheine sind ja unheimlich zerknüllt - ist ja ein übler Zustand«, wendet sie sich an ihre Kollegin, »guck mal, Sabine, wie der die Scheine geknüllt hat!«
»Wahnsinn«, sagt Sabine, »die sind immer so zerknüllt bei dem, die Scheine - eine Zumutung!«
»Zumutung!«, stimmt Susanne zu.
»Ganz schön zerknüllt die Scheine, was?«, wirft der Filialleiter im Vorbeigehen ein.
»Mann, die sind so zerknüllt - ich weiß gar nicht, was ich machen soll«, jammert Susanne.
«Knüllsau«, meint Sabine halblaut.
»Was?«, frage ich.
»Nichts«, wehrt sie ab, und noch leiser: »Knüllsau!«
»Sie hat nicht Sie gemeint«, beschwichtigt Susanne, »aber gucken Sie sich doch mal die Scheine an: Die sind total zerknüllt - Menno - was machen Sie denn immer damit?«
»Ich bin Räuber von Beruf«, rechtfertige ich mich, »da steckt man die Scheine halt ständig so huschhusch ein. Daher auch die vielen Bareinzahlungen auf mein Konto...«
»Das ist ja interessant«, haucht Susanne, »darüber müssen Sie mir mehr erzählen, Herr Ulrich.« Sie stößt sich mit dem Stuhl ab, rollt nach hinten und wirft die Banknoten in den Kasten, in den das Geld geschmissen wird.
»Das geht so«, beginne ich bereitwillig, »ich stehe den ganzen Tag an der Straße...«
»Auch, wenn’s kalt ist? Man ist ja schließlich nicht mehr der Allerjüngste.«
»Gerade, wenn’s kalt ist!! Und am liebsten an der Hermannstraße, weil da hab ich’s nicht so weit nach Hause. Ich steh dann also da, mit meiner Schaufel über der Schulter. Regungslos. Stundenlang. Bis mich keiner mehr wahrnimmt, bis mich jeder für völlig ungefährlich hält. Wie ein Eisbär, der an einem Eisloch auf Beute lauert - haben Sie neulich gesehen: ORB - Drama in der Arktis. Tierreport?«
»Nee!«
»Stimmt! Genau so! Nach Stunden, der Seehund denkt nichts Böses - zack! - fährt die Schaufel raus und knallt ihm über’n Dez. Dann zieht der Bär ihm rasch die Börse raus, knüllt sich die Scheine in die Hosentasche und verschwindet für ne Weile. Entweder nach Hause, das Blut von der Schaufel waschen, oder gleich zur Bank, zu Ihnen, liebe Frau Susanne, das Geld einzahlen.«
»Ist ja toll«, schwärmt sie bewundernd, »darf ich da mal mitkommen?«
Ich verspreche es ihr und muß mich dazu weit über den Tresen beugen.
»Wo gucken Sie denn schon wieder hin?«, fragt Susanne.
»Knüllsau«, sagt Sabine.