Heiko Werning: Gladys
Als ich in den Innenhof trete, wundere ich mich über die Versammlung von fünf superlässig aussehenden Gestalten, die dort gestikulierend im Kreis stehen. Woran erinnern die mich bloß? Natürlich - der Berliner »Tatort«. Ich bin ja ein großer Fan, aber die Berliner! Jedesmal schämt man sich in Grund und Boden, hier gestrandet zu sein, und die ganze Republik guckt zu. Diese bescheuerten Kommissare! Diese albernen Lederjacken! Diese Pseudo-Übernächtigungs-Drei-Tage-Bärte! Und jetzt stehen fünf von der Sorte in meinem Innenhof und stapfen hinter mir die Treppe hoch. Als ich in meine Wohnung gehe, warten sie, bis ich die Tür zugemacht habe, dann bollern sie vehement und lautstark gegen die Wohnungstür meiner Nachbarin, der drogensüchtigen Prostituierten Gladys.
»Hey, mach uff, Polizei!« Polter, polter. »Los, mach uff, oder wir brechen die Tür auf.« Kaum 30 Sekunden sind vergangen, da hört man die erste Lederjacke gegen die Tür krachen. Mein Gott! Glauben die echten Polizisten, sie müßten so sein, weil das schließlich im Fernsehen so läuft? Um glaubwürdig zu bleiben? Angewidert gehe ich zum Telefon und wähle erstmals im Leben die 110. Freizeichen. Verdammt viele Freizeichen. Und wenn es wirklich mal einen Notfall gäbe? Freizeichen. In der Zwischenzeit hat Gladys wohl die Tür geöffnet, denn das Wummern hat jäh ein Ende.
»Ja, hier der Notruf. Was gibt’s denn?« Ich zögere kurz, doch dann will es raus: »Kommen Sie schnell! Da versuchen gerade Leute in die Wohnung meiner Nachbarin einzudringen - gewaltsam, meine ich.«
»Wollen die einbrechen?«
»Naja, immerhin scheinen sie die Tür aufzubrechen.«
»Na dann, okay. Wo isses denn?«
»Seestraße 22, Hinterhaus, 3. Stock«
»Gut, ich gebe mal Revier 15 Bescheid, gehn Sie ja nicht aus der Wohnung.«
Ich lege auf, denke, schön, das war die gute Tat für heute, dann kann ich ja beruhigt Fernsehen anmachen, da klingelt es. Eine der Lederjacken steht vor der Tür: »Tag, wir machen ’ne Durchsuchung bei Ihrer Nachbarin und brauchen einen unabhängigen Zeugen. Kommen Sie mit!«
»Gut, ich muß mir nur kurz die Schuhe anziehen.« Während ich mich umdrehe, spüre ich plötzlich eine Hand in meinem Nacken, und schon werde ich kräftig gegen die Wand gedrückt: »Was hast du da gerade gesagt? Arschloch?« Ich ahne schon, die Jungs haben einen schweren Tag, vielleicht haben sie aber auch wirklich nur zu viele Krimis geguckt. Wissen die Schöpfer von Schimanski, was sie da angerichtet haben? Ich sage, daß ich nur die Schuhe anziehen wollte, der Superbulle läßt mich widerwillig los, und anschließend folge ich ihm in die Nachbarwohnung.
Gladys sitzt apathisch am Tisch und nickt mir müde zu. Sie zittert leicht, vor ihr eine halbvolle Flasche Schnaps. Durch die Tür sehe ich, daß die Badewanne voll ist. Bisher hatten Gladys’ Selbstmordversuche noch nie ernsthafte Folgen. »Ich habe den Fön nicht gefunden«, sagt sie entschuldigend. Ich verstehe.
Das weitere Prozedere ist mir bekannt, ich bin schließlich nicht zum ersten Mal Wohnungsdurchsuchungszeuge. Es ist immer dasselbe: Eine Horde Polizisten zerpflückt die gesamte Bude; Kissen werden abgezogen, Bücher aus dem Schrank werden mehr oder weniger sanft zu kleinen Bergen auf dem Boden gestapelt, Schubladeninhalte auf dem Tisch verteilt, sämtliche Nuttenkostüme landen nach eingehendem Abtasten und ein bis zwei anzüglichen Witzchen auf einem großen Haufen.
Gladys ist etwa 1,80 m groß und wiegt vielleicht noch 60 kg. Man muß wirklich nicht die Broschüren des Bundesgesundheitsministeriums gelesen haben, um zu sehen, daß sie sämtliche Symptome des letzten AIDS-Stadiums spazieren trägt, Flecken inklusive. Ihre Arme sind derart demonstrativ zerstochen, daß selbst Fünfklässler sie als Drogensüchtige identifizieren könnten - und eben auch Berliner Polizisten, die daher quasi zu den Stammbesuchern der Seestraße 22 zählen. Saubere Ermittlungsleistung. Dabei ist Gladys so pleite, daß sie niemals Stoff auf Vorrat hat. Und selbst wenn sie mal was fänden - so wie ich die Dinge einschätze, würde Gladys die Hauptverhandlung kaum mehr erleben. Oder gibt es Schnelljustiz für solche Fälle?

»Ich hab die Fische noch nicht gefüttert«, flüstert Gladys mit zitternder Stimme. Ich werfe einen Blick in das Aquarium. Ich bin kein Fachmann, aber die meisten der Tiere sehen nicht viel besser aus als ihre Besitzerin. Ich nicke, hole die Futterdose aus dem Schrank - ... und habe plötzlich eine Pistole vor der Nase. Der Typ, der mich aus meiner Wohnung geholt hatte, grunzt: »Hey, hey, junger Mann, Sie werden ja wohl keine Beweismittel vernichten wollen?« Ich gebe ihm das Tetra-Min. Das Futter wird in eine Plastiktüte überführt, fein säuberlich beschriftet und der Typ raunzt mich an: »Wenn wir da auch nur die Spur von irgendwas drin finden, haben wir dich am Arsch, du Klugscheißer.« Dabei hatte ich gar nichts gesagt.
Es klingelt. Einer der Kripo-Helden geht zur Gegensprechanlage. »Ja?« Knisternd und knatternd hörte man es von der Seestraße: »Guten Tag, bei Ihnen wurde ein Einbruch gemeldet.« Die Fahnder sehen sich ratlos an: »Ja???«
»Ja, das müssen wir überprüfen«, rauscht es aus dem Lautsprecher, »wenn Sie uns dann bitte mal reinlassen würden?«
Die Kripo-Beamten sind plötzlich ähnlich fassungslos wie ich, der erste sympathische Zug. Gladys sitzt weiter abwesend da. Der Typ an der Tür drückt den Türöffner. Die anderen ziehen ihre Pistolen unter dem Ledermantel hervor. Ich beschließe, einen flammenden Beschwerdebrief an die ARD zu schicken. Die Jungs warten. Ich rücke mit meinem Stuhl hinter den Türrahmen, um nicht von einem Querschläger erwischt zu werden.
Draußen im Flur geht das Licht an. Schritte stapfen die Treppe herauf. Jetzt klingelt es. Alles Weitere geht ziemlich schnell. Der Typ an der Sprechanlage reißt die Tür auf, gleichzeitig hüpfen seine drei Kollegen in strategisch wichtige Positionen, einer wirft sich sofort zu Boden. Alle halten ihre Knarren mit zwei Händen und ausgestreckten Armen. Vor der Tür stehen zwei Streifenpolizisten in grüner Uniform mit weißer Mütze. Sie werden sehr schnell sehr bleich. »Äh, guten Tag, uns wurde hier ein Einbruch gemeldet...«, bringt der eine hervor. »Wir sind von Revier 15, Wedding, und uns wurde ein Einbruch gemeldet. Ist alles in Ordnung?«
Ist alles in Ordnung? Ich lasse den Blick über die Szenerie schweifen. Gladys sieht teilnahmslos auf das Geschehen und wippt dabei leicht mit dem ganzen Oberkörper. Ein Neonfisch taumelt in verdächtiger Querlage durch das Becken, ein anderer treibt kieloben. Der zweite Streifenpolizist nimmt ganz langsam die Hände hoch. Mein Wohnungsabholer reißt seine Waffe theatralisch noch ein wenig weiter nach vorne. Ich rücke noch ein bißchen weiter hinter den Türrahmen. »Ist hier alles in Ordung?« fragt Streife 1 noch einmal. Meinem Fischfutterbeschlagnahmer zucken die Hände. Wahrscheinlich überlegt er, ob er die beiden jetzt einfach umnieten soll. Es fällt ihm schwer, diesem Impuls nicht nachzugeben. Der mutmaßliche Boss der Eingreiftruppe kramt aus seiner Lederjacke einen Ausweis, murmelt: »Kripo, wir hatten den Einsatz hier gemeldet, was macht Ihr denn hier!«
»Uns wurde ein Einbruch gemeldet.« Mein persönlicher Leibbulle raunt: »Das haben wir schon gehört. Wir machen hier unsere Arbeit, also haltet uns nicht weiter auf!« Er schlägt die Tür zu. »Revier 15!« raunt er. Dann wühlen sie wortlos weiter in Gladys’ Schränken, aber so recht scheint es ihnen jetzt keinen Spaß mehr zu machen. Eine Viertelstunde später geben sie auf, lassen mich unterschreiben, daß sie nichts kaputt gemacht haben. Ich protestierte zaghaft, wende ein, daß sie immerhin die Wohnung komplett verwüstet hätten, mein Leibbulle packt mich schon wieder am Kragen und brüllt mich an: »Darum geht es nicht! Wir haben nichts beschädigt! Unterschreib hier!« Und er ergänzt drohend: »Und wehe, wir finden irgendwas in dieser Dose!« Gladys fragt, ob da noch mehr kommen würden, nur für den Fall, daß es gleich wieder klingelt. Die Beamten murmeln Unfreundliches vor sich hin und ziehen davon. Ich hole aus meiner Wohnung ein paar Hundeflocken, die ich noch von der letzten Urlaubsvertretung beim Nachbarn unter mir habe, und biete sie den Fischen an. Ein Neon schafft es noch, einen Krümel zu verspeisen. Ich lasse das Wasser aus Gladys’ Wanne, nehme den Fön aus ihrem Schrank. Den steckte ich sicherheitshalber ein und leihe ihr noch 30 Euro, damit sie zum Bahnhof Zoo kann. Für heute würde wohl Ruhe sein.