33/2003
Eine Ebene höherEin wohlig warmes Heft für die kalten Tage am Kaminfeuer. Wer zuhause bleibt, weil er sein Geld für sich arbeiten läßt (Spider), oder weil er Liebeskummer hat (Kirstin Fuchs), oder weil er das sowieso immer tut (Jochen Schmidt), der lernt bald die Schattenseiten des neumodischen Nesthockens kennen. Klingelnde Telefonverkäufer (J. Witte), läutende Zettelverteiler (Tube) und handtuchwerfende Nachbarn (Daniela Böhle). Wer sich ausserhäusig aufhält macht Grenzerfahrungen an Landesgrenzen (Hartmut El Kurdi), im ICE (Horst Evers), in Kneipen (Uli Hannemann), in der schwäbischen Provinz (Bov Bjerg), in der U-Bahn (Andreas Scheffler) oder beim alljährlichen berliner 1. Mai (Heiko Werning). »Gott dagegen sitzt ja bloß so an seinem Schreibtisch rum, und dis nennt er dann Arbeit« (Ahne). Ausserdem erstmals Geschichten von Frank Sorge und Marcus Jensen. Die Illustrationen sind von Sybille Hein.
Vorrede
Hier spricht die Salbader-Redaktion mit ihren Lesern. Die Kunst des Salbaderns in Reinkultur. Wir lieben unsere Leser. Lieben Sie uns zurück...
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Die aktuellen Kurznachrichten. Ein Häuflein Häppchen, Pointen und Begebenheiten. (Für den schönen Titel bedanken wir uns beider leider viel zu früh verstorbenen Zeitschrift KOWALSKI)...
Jürgen Witte: Telefonterror
»So zynisch sollten Sie das nicht sehen«, sagt die Frau am Telefon. »Wie soll ich das denn sonst sehen?«, frage ich die Frau. Sie schweigt. Dann fallen ihr ihre ausweniggelernten Phrasen wieder ein...
Daniela Böhle: Nachbarn
Was genau Martin an jenem Samstag, als es regnete, auf seinem Balkon gemacht hat, ist mir nicht klar. Ich nehme an, er war einzig und allein auf seinem Balkon, um etwas zu uns runter zu werfen...
Spider: Lassen Sie doch ihr Geld für sich arbeiten
Morgens um halb fünf. Der Wecker klingelt. Aus allen Ecken meiner Wohnung rollen die Euros zusammen. Es klimpert und scheppert, alle treffen sich im Korridor. Naja, wenigstens muß nicht ich um Sieben auf der Baustelle sein, mein Geld geht für mich arbeiten...
Bov Bjerg: Kreisverkehr
»Reichenbach-Nord«, hat Mutter am Telefon gesagt. »Die war ja nicht mehr bei uns im Dorf gemeldet, deshalb ist das in Reichenbach-Nord, da hat sie ja zuletzt gewohnt. Am Kreisel die erste Ausfahrt Richtung Mehrzweckhalle, links die Kirche, hinter der Kirche der Friedhof...
Horst Evers: Protzner
Längst ist zwischen Dr. Maismann und Herrn Fringer ein Wettstreit entbrannt, wessen Geschäfte bedeutender sind, also brüllen sie immer lauter in ihre Taschentelefone, damit auch jeder im Wagen ganz sicher von ihrer immensen Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Deutschland unterrichtet ist...
Andreas Scheffler: Alles ist eitel
Ich will aber jedem versichern, daß die geschilderten Vorkommnisse vollkommen der Wahrheit entsprechen, was ich schon allein dadurch zu unterstützen vermag, indem ich selbst, der Erzähler ein recht befremdliches Verhalten an den Tag lege, dies aber hier freimütig, wenn auch mit genanten Gefühlen, vor der Öffentlichkeit gestehe...
Uli Hannemann: Neulich am Nebentisch
»Ihr Schwanzfaschisten glaubt«, ereiferte sich die Frau mit rücksichtsloser Lautstärke, »mit eurem Ding löst ihr alle Probleme – das ist ein totaler Irrtum, deswegen hab ich mich dir damals auch irgendwann verweigert. Du hast mir ja leid getan, aber darauf hatte ich echt keinen Bock mehr!«...
Hartmut El Kurdi: Grenzerfahrungen
So ist es zum Beispiel für mich schon immer ein zweifelhaftes Vergnügen gewesen, Ländergrenzen zu überqueren. Selbst der im Alter von 16 Jahren von mir erworbene deutsche Paß macht das Reisen für ein südländisch, ergo drogenhändlerisch und terroristisch aussehendes Wesen wie mich nur geringfügig komfortabler...
Falko Hennig: Der Schrund - Psoriaris Vulgaris
Zum Glück sah man mir oft nichts an. Aber auf meinem Kopf befand sich eine richtige Borke, so nannte es auch der Arzt, es wurde versucht, sie mit Öl aufzuweichen und dann herauszukämmen, riesige Stücken rissen dabei mitsamt den Haaren heraus, es blutete, der ganze Kopf war wie wund...
Sarah Schmidt: Was Landkinder gerne haben
Simone lebt auf einem Dorf und pflegt ein obskures Hobby. Sie bekommt ein Kind nach dem anderen. Mittlerweile hat sie drei, und von denen ist noch nicht eins in der Schule! Ich mag kleine Kinder. Wirklich! Ich kneif ihnen in die Backe, dann nehme ich so ein Kind auf den Arm, schüttele ich es ein bißchen und dann ist gut...
Heiko Werning: Heraus zum 1. Mai
Ich versuchte, sie von dem Plan abzubringen: »Da ist alles voll mit Touristen und Bullen, alle stehen rum und warten, daß irgendwann was passiert, und garantiert findet sich irgendein Lagerfeuer, das gelöscht werden muß, und schon geht es los...«...
Ahne: Man muß ja nicht immer gleich lachen
Hier kann einem keiner vorschreiben, über was man zu lachen hat. Ich zum Beispiel lach manchmal sogar über den Bundeskanzler, na und?! Soll da ma einer was sagen, den würd ich gleich voll selber auslachen. Ich lach auch über Gott, obwohl’s dem grade gar nicht so gut geht, bin ja grade nämlich unterwegs zu ihm...
Hinark Husen: Sprechdurchfall
Wenn ich Wörter wie Warmluftadvektion, Kaltlufttropfen oder Okklusion vorlese, habe auch ich nur einen leisen Schimmer, was damit gemeint sein könnte. Immerhin kann ich’s trotzdem einigermaßen aussprechen. Völligen Blödsinn fehlerfrei zu artikulieren reicht für manche Jobs als Qualifikation durchaus aus...
Horst Evers: Der Vorteil des Alterns
Mache stattdessen das Radio meines Nachbarn an. Seit ich auf meiner »one for all«-Universal-Fernbedienung in einen Speicherplatz die Sony-Kompakt-Anlage meines Nachbarn einprogrammiert habe, kann ich sie so, wenn ich mich ein bißchen aus dem Fenster lehne, ganz gut von meiner Wohnung aus bedienen...
Robert Naumann: Das Kind kann sprechen
Bevor sie in die erste Klasse kommen, müssen die Kinder in Berlin zum Bärenstark-Sprachtest. Weil man festgestellt hat, daß sich die meisten Kinder auf der gleichen sprachlichen Ebene wie ihre Trickfilmhelden bewegen. Tom und Jerry zum Beispiel, und die lassen ja bekanntlich eher Taten sprechen als Worte...
Kirsten Fuchs: Liebeskummer
Guten Tag! Ich habe Liebeskummer! Die Diagnose ist eindeutig. Alles weist darauf hin. Ich habe tagsüber kein Hunger und Abends auch nicht, auch nachts hab ich kein Hunger aber Appetit. z.B. auf Eis, also gehe ich zur Tankstelle und kaufe mir soviel Eis, daß ich denke, daß es reichen wird, bis er sich doch in mich verliebt hat...
Spider: Rudolf, die Ich-AG
Das ist Rudolf – Rudi, wie ihn seine Freunde nennen, und Rudi hat viele Freunde. Rudi verdient sein Geld als eine Ich-AG. Das ist nichts ungewöhnliches heutzutage. Ungewöhnlich ist die Art der Dienstleistung, die von ihm angeboten wird...
Tube: Freude, Neugier, Frustration
Es gibt keine Gegensprechanlage. Wenn es bei mir klingelt, durchlebe ich in kurzer Zeit drei emotionale Phasen: Freude, Neugier, Frustration. Die Freude stellt sich unmittelbar, nach dem Erklingen der Glocken ein. Oho! Hurra! Es hat geklingelt! Es gibt Besuch!...
Konrad Endler: Der Überbringer der Enten
Auch ich, der ich den Markt zum Kauf zweier ungarischer Grillenten Kaliber 2000 Gramm betreten hatte, rechnete mir Chancen aus, noch vor meinem Dahinscheiden diese auch bezahlen zu können. Im Laufe der Jahre...
Jochen Schmidt: Jochen, allein zu Haus
In der Apotheken-Umschau stand, man soll zu seiner Panik nicht sagen: »Bleib weg! Hau ab!«, sondern: »Setz dich zu mir, red mit mir!« Ich setze mich also an den Tisch, mir gegenüber nimmt die Panik Platz. Links von mir sitzt mein Selbstmitleid und rechts mein schlechtes Gewissen. Mein Selbstmitleid nörgelt rum...
Marcus Jensen: ...liebe Laterne nicht
Sonne, Mond und Sterne, dabei hätte ich die Leute doch fragen können, ob sie wußten, wie das Lied weiterging. Brenne auf, mein Licht, die junge Frau im Laden hatte es nämlich nicht gewußt. Ich brauch den Rest, sagte ich, als sie mir die lachende Sonne gab, aber sie zuckte mit den Schultern...
Uli Hannemann: Der Tod ist ein Bademeister aus Deutschland
Der Bademeister ließ sich nicht beirren – der Platz auf dem Wachturm war Familientradition. Seinem Großvater hatte man immerhin noch einen Karabiner dorthin mitgegeben. Den hätte er sich heute auch gewünscht – wieviel leichter wäre damit Ordnung zu schaffen! Er selber besaß leider nur ein Megaphon...
Jürgen Witte: Kurze Romane in langen Sätzen Nr.23
Wäre also Ulla nicht so reserviert, so zugeknöpft, so, ja sagen wir es ruhig, so abweisend und irgendwie fremd gewesen, da in dieser nette kleinen Wohnung, die sie sich ganz gemütlich, aber auch ein bißchen sehr plüschig ausgestattet hatte...
Frank Sorge: Fleischerparabel
Ein kleines Lamm steht unschlüssig und verschüchtert auf einer Weide. Es hat auch allen Grund, leicht nervös zu sein, denn es steht auf der Weide eines fleischverarbeitenden Betriebes...
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Neueste Ergebnisse der Salbader.-Ausländerforschung: Fremde Kulturen, die Menschen und Bräuche, kurzgefasst und rundumgeschlagen.
Empfehlungen
Was rauskommt, wenn der Salbader fremde Quellen plündert. Ein steter Tropfen gescannter Merk- und Denkwürdigkeiten.
Werswer
Vollständiges Verzeichnis der Salbader.-Autoren der Salbader.-Ausgabe Nummer 33. Hier finden Sie lauter Portraits, Lebensdaten und manch liebevoll ausgewählten Link.
Impressum 33/2003
Alle Redakteure, Salbader.-Postadresse, Telefonnummer der Salbader.-Ausgabe 33/2003.