Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 33/2003 Jürgen Witte: Telefonterror
Artikelaktionen

Jürgen Witte: Telefonterror

Das Telefon klingelt. Ich bin ein altmodischer Mensch, wenn das Telefon klingelt, denke ich, das muß was Wichtiges sein. Obwohl auch wir mittlerweile massenhaft Menschen kenne, die Taschentelefone besitzen, ja obwohl wir selbst zwei von den Dingern haben, trotzdem werden bei uns in der Familie Telefonate des Inhalts: »Ich bin jetzt am Walter-Schreiber-Platz und warte gerade auf den Bus«, solche Telefonate werden bei uns nicht geführt. Also muß es wohl was Wichtiges sein wenn das Telefon klingelt.

»Guten Tag, Firma Media-One, wir entwicklen Lerncurricula für Schüler von der 4. bis zur 13. Klasse, wir waren in der Schule ihres Sohnes, er hat dort an unserer Umfrage mitgewirkt, das ist schon eine Weile her, und jetzt sind wir soweit, daß wir ihnen ein Angebot machen können.«

»Bitte?«

»Wir entwicklen Lerncurricula für Schüler von der 4. bis zur 13. Klasse, und wir waren in der Schule ihres Sohnes, er hat dort an unserer Umfrage...«

»Das habe ich schon verstanden, danke. Aber um was geht es denn bitteschön?«

»Wir entwicklen Lerncurricula für Schüler von der 4. bis zur 13. Klasse, und jetzt sind wir soweit, daß wir Ihnen ein Angebot machen können.«

Immer diese geschulten Telefonverkäufer. Einen einzigen Satz haben sie gelernt, und den sprechen sie ein paar hundert Mal am Tag. Nur ja nicht vom Text abweichen. Über diesem Satz haben hochbezahlte Verkaufspsychologen tagelang geschwitzt. Das ist der einzig richtige Satz. Das ist der Satz, der den Umsatz garantiert.

»So kommen wir nicht weiter«, sage ich zu der Dame, »darf ich mal zusammenfassen?«

Sie räuspert sich und läßt mich gewähren.

»Also: Sie sind eine private Firma, haben mit dem offiziellen Schulsystem eigentlich nix zu schaffen, und möchten mir was verkaufen, und ich soll das kaufen, damit ich auch sicher das Gefühl habe, daß ich alles menschenmögliche für die Bildung und das Fortkommen meines Kindes getan habe.«

»So zynisch sollten Sie das nicht sehen«, sagt die Frau am Telefon.

»Wie soll ich das denn sonst sehen?«, frage ich die Frau. Sie schweigt. Dann fallen ihr ihre ausweniggelernten Phrasen wieder ein.

»Wann hätten Sie denn Zeit? Tagsüber sicher nicht, denke ich, wohl eher abends, wir würden gerne einen Termin machen...«

»Einen Termin wollen sie? Wozu?«

»Wir sind, wie gesagt, jetzt soweit, daß wir Ihnen ein Angebot machen können.«

»Ach so? Und wenn ich das nicht will?«

Plötzlich höre ich einen leisen Seufzer, meine Gesprächspartnerin gibt auf. Das ist mir noch nie passiert. Normalerweise geben die nie auf. Plappern einfach endlos weiter. Normalerweise beende ich solche Telefonate mit einer Floskel wie: »Nein danke, das hat wohl keinen Zweck. Ich denke, wir lassen das.«

Aber diesmal ist es anders. Ich kann durch die Stille der Leitung fast hören, wie die Mundwinkel meiner Telefonpartnerin nach unten sinken. Schluß mit dem berufsbedingten Zwangsoptimismus. Ein Eishauch weht mir durch die Leitung entgegen.

»Wissen Sie was«, sagt sie mürrisch zu mir, »mir macht das mit Ihnen keinen Spaß.« Richtig mürrisch, und dann legt sie auf.

Das sitzt. Ich glaube, ich soll jetzt beleidigt sein und ein schlechtes Gewissen haben. Ich denke kurz nach: Ja, ich bin beleidigt.

Bin ich denn hier in der Disko? Mein Tanzpartnerin hat genug von mir und läßt mich einfach auf der Tanzfläche stehen? Sie gibt mir einen Korb. Seit wann, bitteschön, muß denn der Idiotenjob, Leuten irgendwelchen überteuerten Scheiß aufzuschwatzen auch noch Spaß machen? Sie bekommt schließlich Geld dafür, daß sie sie mich hier nervt. Sie quatscht mich dumm an und verlangt auch noch, daß ich sie bei Laune halte? Ja wo sind wir denn? Ich weiß, ich bin bei sowas eine harte Nuss, aber ich bin doch gerade die Herausforderung, von der sie beim Einstellungsgespräch für ihren Call-Center-Job gesagt hat, daß sie sie sucht, diese Herausforderung.

Illustration von Sibylle Hein

Drei Tage später. Das Telefon klingelt. Ah, was Wichtiges.

»Guten Tag, Müller mein Namen, ich rufe an im Auftrag der Firma Meyer, wir haben Sie ausgewählt, weil wir gehört haben, daß in Ihrer Familie gelegentlich Lotto gespielt wird?«

Ah, was Unwichtiges. Den Satz habe ich allerdings schon öfter von Faber-Telefonverkäufern gehört. Die nerven mich schon seit Jahren, dafür habe ich mir eine neue Taktik zurechtgelegt. Ich nenne sie mal Vorwärtsverteidigung.

»Wie bitte?«, sage ich.

»Müller, ich rufe an im Auftrag der Firma Meyer, wir haben Sie ausgewählt, weil wir gehört haben, daß in ihrer Familie gelegentlich Lotto gespielt wird?«

»Wer sagt das?«, belle ich in den Hörer.

»Ja, spielen Sie denn nie Lotto?«

»Wer behauptet da, daß wir Lotto spielen würden? Ich will Namen! Das ist doch eine Verleumdung. Sagen Sie mir sofort, woher Sie das haben! Wie kommt der da drauf? Wohnt der hier im Haus?«

»Spielen Sie denn überhaupt niemals Lotto?«, fragt er vorsichtig.

»Nie. Grundsätzlich nie. Oder warten Sie mal: Meine Frau vielleicht, heimlich, na die soll mir mal nach Hause kommen, die kann was erleben. Das Geld so zum Fenster rauszuwerfen...«

Ich poltere noch ein bißchen weiter, rede mich lautstark in Rage und ganz schnell ist die Leitung tot.

 

Bei der nächsten Kaffeepause im Call-Center werde ich sicher für die nötige Unterhaltung sorgen.

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:06
erstellt von jero

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: