Daniela Böhle: Nachbarn
Eine Etage über uns wohnt Martin. Martin arbeitet bei der Bewag. Martins Balkon liegt exakt über unserem Balkon. Was genau Martin an jenem Samstag, als es regnete, auf seinem Balkon gemacht hat, ist mir nicht klar. Ich nehme an, er war einzig und allein auf seinem Balkon, um etwas zu uns runter zu werfen. Wenig später stand er jedenfalls vor unserer Tür.
Ich bin Martin von oben, sagte er und lachte. Weil ich nicht wußte, ob das ein Witz war, den ich einfach nur nicht verstand, lachte ich höflich mit. Tut mir leid, aber mir ist etwas auf euren Balkon gefallen! sagte er. Es macht doch nichts, wenn ich es mir hole, oder? Ich habe nein, nein, natürlich nicht gesagt und bin zur Seite getreten, damit er reinkommen konnte.
Martin trottete langsam Richtung Balkon. Nett habt ihr es hier, sagte er. Meine Mitbewohnerin Christiane kam aus der Küche. Das ist Martin von oben, stellte ich ihn vor, und das ist Christiane. Sie schüttelten sich die Hand. Ich bin Martin von oben, sagte er und lachte. Ich wußte nicht, ob er uns für etwas blöde hielt, oder es selber war, etwas blöde. Christiane verstand jedenfalls den Witz auch nicht. Falls es einer war. Nett habt ihr es hier, sagte er zu Christiane und ich dachte an diese Puppen made in Taiwan, die ein halbes Dutzend Sätze sagen können, wenn man auf spezielle Knöpfe drückt.
Er öffnete die Balkontür und holte einen nassen orangefarbenen Waschlappen von unserem Balkon. Martin schloß die Balkontür und blieb stehen, wo er war. Er sah uns abwartend an, als wollte er sagen, so, und was machen wir jetzt?
Christiane fragte, möchtest du einen Kaffee, wir frühstücken gerade, und, na klar, er wollte. Zwei Stunden später war er immer noch da. Wir hatten etwa ein Dutzend Mal angekündigt, daß wir jetzt einkaufen gehen müßten, ehe die Geschäfte zu machten, und als er schließlich ging, mußten wir tatsächlich dringend einkaufen gehen, weil er nicht nur vier Tassen Kaffee getrunken, sondern auch noch unseren Kühlschrank leer gegessen hatte.
Wir kauften eine Menge Zeug ein, was er dann am Sonntag aufaß, nachdem er zwei Küchenhandtücher auf unseren Balkon geworfen hatte. Inzwischen wußten wir massenhaft Dinge über die Bewag, die wir noch nie wissen wollten. Christiane und ich hatten längst glasige Augen. Martin versprach, uns am nächsten Tag Bewag-Tassen vorbei zu bringen. Nachdem er gegangen war, überlegte Christiane hysterisch, ob wir überstürzt eine Reise antreten könnten. Laß es uns hinter uns bringen, sagte ich mit mehr Zuversicht als ich empfand. Noch ein Besuch, wir bekommen die Tassen und das war es.
Am nächsten Tag klingelte weniger als zwei Minuten nach Christianes und meiner Rückkehr Martin an der Tür. Ich öffnete die Tür und Martin winkte mir zu. Ich sah ihn vor meinem inneren Auge, wie er mit dem Stethoskop auf den Ohren in seiner Wohnung auf dem Boden saß und unsere Wohnung abhörte. Er hatte ein Paket bei sich. Die Tassen, sagte er. Ich dachte ja, ich könnte sie ihm abnehmen und das wars, aber das hatte ich natürlich nicht wirklich gedacht. Ist Christiane auch da? fragte er. Ich nickte. Er stand in der Tür, nickte auch und machte keinerlei Anstalten, mir die Tassen zu übergeben und zu gehen. Also was ist jetzt mit den Tassen? fragte ich. Habe ich dabei, sagte er, soll ich sie in die Küche bringen? Ich kapitulierte. Wir saßen zu dritt in der Küche, vor uns drei schwarze Tassen. Ich kochte Wasser. Martin erzählte von der Bewag. Dann goß ich das kochende Wasser in die Tassen und nach und nach erschien das Logo der Bewag in orange, blau und grün. Um viertel nach Acht gähnten wir und wollten aber so was von unbedingt ins Bett. Martin wunderte sich, ging aber ohne Widerrede. Er hatte uns von den geplanten neuen Tarifverträgen der Bewag erzählt und von Arbeitsplatzgarantien.
Die einzige interessante Geschichte war die von dem Zirkus, der von irgendwelchen Verbrechern geführt wurde. Sie hatten einen Bewag-Mitarbeiter bedroht, der ihnen verboten hatte, neben einer Hochspannungsleitung ihren Zirkus aufzubauen. Sie hatten ihn auf seinem Handy angerufen und gesagt, wenn du den Aufbau verhinderst, gießen wir deine Füße in Beton und versenken dich im Meer. Wir waren sicher, daß die Geschichte wahr war. Martin hatte weniger Phantasie als der Stuhl, auf dem er immer festwuchs. In dieser Nacht träumte ich von einem Martin in Betonschuhen, der im Meerwasser wogte wie Seegras. Es war ein schöner Traum.
Am nächsten Samstagmorgen saßen wir zum Frühstücken neben der Balkontür. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie etwas auf unseren Balkon herunter segelte. Es war ein T-Shirt, wie ich bei näherem Hinsehen feststellte. Als ich hinauf blickte, winkte Martin hinunter. Huhu, rief er, ist mir gerade runtergefallen, ich hole es schnell mal! Drei Stunden später ging er endlich, weil wir wie letzten Samstag einkaufen gehen mußten, weil Martin uns den Kühlschrank leer gegessen hatte. Er hatte gegessen, als wollte er im Anschluß Winterschlaf halten. Christiane war den Tränen nah.
Sonntag frühstückte Martin unsere Einkäufe von Samstag weg, nachdem er einen Kopfkissenbezug auf unseren Balkon geworfen hatte. Er lieh sich außerdem zwei Rollen Klopapier aus. An der Tür hatte es deswegen zwischen ihm und Christiane fast einen Streit gegeben. Ich bringe euch morgen zwei Rollen zurück, hatte Martin gesagt und Christiane hatte gesagt, nicht nötig, wir schenken sie dir. Nein nein, hatte Martin gesagt, ich möchte sie euch aber zurück bringen. Nicht nötig, hatte Christiane fast geschrien, behalt die Dinger! Wehe, du bringst uns zwei Rollen Klopapier vorbei! Martin ist ein wenig erschrocken, hat dann aber genickt und okay, okay gesagt.
Mitte der Woche habe ich Christiane in Tränen aufgelöst am Küchentisch gefunden, als ich vom Kino zurück kam. Martin war da, schluchzte sie, er hat zwei Putzlappen auf unseren Balkon geworfen und mir danach zwei Stunden die Tarifstruktur der Bewag erklärt. So geht das nicht weiter, habe ich gesagt, wir müssen etwas unternehmen. Wir müssen versuchen, seine Sachen wieder hoch zu befördern. Wir stellten uns also am nächsten Tag, als Martin zur Bewag gefahren war, auf unseren Balkon. Der Besenstiel war zu kurz. Schließlich versuchten wir, ein zusammengeknülltes Küchentuch Richtung Martins Balkon zu schleudern. Weil es zu leicht war, kam es zurück, ein Windstoß und es landete auf dem Balkon unter uns. Christiane sagte ein paar schlimme Worte, die ich hier jetzt nicht wiederholen möchte. Was soll ich sagen? Am Abend sind Christiane und ich zu den Leuten gegangen, die unter uns wohnen, und haben uns vorgestellt. Nette Leute, wirklich. Samstag haben wir dann einen Kopfkissenbezug runtergeworfen und bei ihnen gefrühstückt.
