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Bov Bjerg: Kreisverkehr

»Reichenbach-Nord«, hat Mutter am Telefon gesagt. »Die war ja nicht mehr bei uns im Dorf gemeldet, deshalb ist das in Reichenbach-Nord, da hat sie ja zuletzt gewohnt. Am Kreisel die erste Ausfahrt Richtung Mehrzweckhalle, links die Kirche, hinter der Kirche der Friedhof. Das findest du. Am Kreisel die erste Ausfahrt.«

In jedem Dorf haben sie jetzt Kreisel gebaut, kleine Kreisverkehre an sämtlichen Ortseinfahrten, weil die Leute zu schnell in die Dörfer hineinbrettern. Es hat schon Tote gegeben, Hauskatzen, Hunde, ein Kind. Fahrbahnverschwenkungen haben nichts genützt, Radarkontrollen haben nichts genützt, jetzt sollen Verkehrsinseln die Raser aufhalten. Zuerst hat man sie einfach mit Blumen bepflanzt, das sah schön aus für den, der den Kreisverkehr rechtzeitig bemerkt hat.

Neuerdings steht in den Kreiseln ein weithin sichtbares Verkehrsschild, oder eine Skulptur, zusammengeschweißte Stahlträger, ein Sandsteinquader oder ein Holzgerippe. Und wenn man nicht sofort erkennen kann, was es darstellen soll, schreiben die Leute Leserbriefe an die Lokalzeitung, wegen der Steuergelder, und Kunst schreiben sie in Anführungszeichen. Der örtliche Künstler wird von der Zeitung gefragt, was seine Skulptur denn nun bedeutet. Immer ist es was Modernes, Abstraktes, nie sagt er, das ist ein Bauer auf dem Weg zum Heuen, da ist der Kopf, da ist der Leib, und das da ist die Heugabel; der Künstler sagt »Sehgewohnheiten« und »in Frage stellen«. Aber die Leute wollen ihre Sehgewohnheiten so lassen, wie sie sind, denn wenn sie was erkennen könnten, wo nichts zu erkennen ist, dann wären sie ja verrückt, und eine Kunst, die von einem Künstler gemacht wird, der in der Lokalzeitung sagt, man soll doch bitteschön verrückt sein, so eine Kunst wollen sie nicht. Jedenfalls nicht da, wo man sie dauernd sieht, also zum Beispiel in der Ortseinfahrt.

Der Gemeinderat beschließt, das Kunstwerk zu entfernen, man will dem Künstler trotzdem das vereinbarte Honorar zahlen, jedenfalls einen Teil, zum Beispiel die Hälfte. Der Künstler droht mit Klage, man einigt sich auf einen Vergleich, der Künstler bekommt achtzig Prozent der vereinbarten Summe, dafür erlaubt er, daß das Holzgerippe an einen geeigneteren Standort versetzt wird. Es wird abgebaut und zum Bauhof gebracht, da darf es zwischen Rollsplitthaufen ungestört verrotten, und in die Mitte des Kreisels wird ein Verkehrsschild gestellt.

Weil das hier ein neuer Kreisel ist, steht noch kein Verkehrsschild drin, sondern eine riesige Panzersperre aus rostigen Stahlträgern. Ich nehme die falsche Ausfahrt, verfahre mich und und finde nur zufällig den Friedhof. Zehn nach eins raus aus dem Auto, zur Aussegnungshalle. Vorne Sichtbeton, an den Seiten ein dunkelbraun gebeiztes Holzdach bis zur Erde; die Kapelle soll gefaltete Hände symbolisieren, das kann man sofort erkennen, oder es hat sich zumindest herumgesprochen. Aus der halb offnen Tür quengelt die Stimme des Pfarrers.

Hinten ist alles besetzt, vorn sitzen nur die Söhne, Axel, Siggi, Franz. Hab Axel seit 15 Jahren nicht gesehen, sieben davon war er im Knast, dabei ist er der einzige in der Familie, der was gelernt hat: Betonbauer. Vor dem Altar ein Kranz mit Schleife, die Namen der Söhne darauf, auf einer Säule steht die Urne aus Kupfer. Daß Olga ein hartes Leben gehabt hat, sagt der Pfarrer, und daß die letzten vier Jahre, seit ihr Mann tot war, glückliche Jahre gewesen sind. Hilfsbereit und immer fröhlich, beliebt in der ganzen Psychiatrie. Die Gemeinde murmelt Amen, eine Elektro-Orgel brummt.

Aufs Stichwort kommt der Sargträger, ganz in Schwarz, sonst sind sie ja immer zu sechst, aber für das bißchen Asche braucht es nur einen. Nimmt die Urne und stakst aus der Halle voraus. Pfarrer und Söhne hinterher, der älteste der dicke Franz. Herzfehler, Sauerstoffmangel bei der Geburt. »Ich hab ein Herz im Loch«, erklärte er, wenn wir Kinder uns über sein Stottern lustig machten, nie sagte er: »Ich stottere, weil ich nach jeder Silbe den Faustschlag vom Vater erwarte.« Franz, der in der Lebenshilfe arbeiten durfte; Franz, das Sorgenkind von der Aktion Sorgenkind. Jetzt ist er Mitte vierzig. Stoppliger Hals, grauschwarze Haare, ein Basecap aus dünner schwarzer Baumwolle. Hinten hängt der Waschzettel raus. Ein kleines weißes Rücklicht.

Nach den Söhnen schlurft ein Dutzend Menschen, die kennt keiner, jeder eine weiße Rose in der Hand. Eine zieht das Bein nach, einer nickt wie ein Wackeldackel ständig mit dem Kopf. Manche weinen, manche tuscheln und gickeln. Das sind die Leute von Olgas Station, die Irren.

Am Ende des Friedhofs, vor der Mauer, ein Loch in der Erde. Der Diener versenkt die Urne, entfernt sich diskret. Neben dem Loch steht ein Grabstein, da liegt schon der Mann. Herzinfarkt, Wochen im Krankenhaus. Axel, gerade aus dem Knast entlassen, besucht den fast schon genesenen Vater, berichtet von den Kakerlaken, die er in der Wohnung der Eltern entdeckt hat; wie die Viecher, als er in die Küche trat, auseinandergeflitzt sind nach allen Seiten, unter die Schränke, in die Scheuerleistenritzen. Der Vater tobt im Krankenbett, im Jähzorn ganz bei sich, flucht, Blutsakrament, Blutsau blutige, läuft blutrot an, schnappt nach Luft, noch ein Herzinfarkt, der wievielte eigentlich. Der Grabstein ist aus Beton gegossen, mit Fassadenfarbe geweißt. Axels spätes Gesellenstück.

Der Pfarrer redet wieder, das meiste geht im Verkehrslärm unter, hinter der Friedhofsmauer führt die Bundesstraße vorbei. Vaterunser der Du bist im Himmel, ich bete nicht mit, habe nur noch die Melodie im Ohr, das asynchrone Geleier der Masse, denn Dein ist das Reich-ch und die Kraft-ft und die Herrlichkeit-keit Amen. Heilige Maria Mutter Gottes-tes bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes-des Amen. Und noch ein Hieb aus dem Weihwassersprenkler.

Illustration von Sibylle Hein

Schlange stehen, Schippe Sand. Innehalten. Zur Seite treten. Axel sagt, so sieht man sich wieder. Mutter steht am Rand, mit den andern Frauen. Sie brüllt, wegen dem Autolärm. Erzählt von einer Kommode, die sie Olga einmal abgeschwatzt hat, und die jetzt bei ihr »im dritten Zimmer« steht. Beschreibt die Kommode haarklein, vier Schubladen, zwei große und zwei kleine, so rotbraun, vielleicht Kirschholz, und daß sie jetzt die zerschlissenen Handtücher darin aufbewahrt, also die, die eigentlich zum Wegwerfen zu schade sind. Und daß sie gleich noch zum Frotteehandtuchfabrikverkauf fährt, gleich hier um die Ecke, ob ich nicht mitkommen will, da ist es sehr preisgünstig. So ist das also, wenn die Mutter verrückt wird. Es geschieht ganz plötzlich.

Von fern ein Surren, es kommt näher. Ein offener Elektrokarren, darauf sitzt der Sargträger, in grüner Gärtnerlatzhose, er fährt den Kranz von der Kapelle zum Grab.

Ich werde wieder hier her ziehen, denke ich im Kreisverkehr, und der Kopf drückt gegen die Seitenscheibe, wieder hier her ziehen, meine verrückte Mutter pflegen und Leserbriefe schreiben gegen die sogenannte Kunst im öffentlichen Raum; obwohl, werde ich wohlwollend hinzufügen, obwohl auch eine überdimensionale Panzersperre gewisse visuelle Reize entwickeln kann, wenn man sie nur ausdauernd genug umrundet, und ich werde Kirschholzkommoden in dritten Zimmern mit zerschlissenen Handtüchern füllen. Der Kopf drückt gegen die Scheibe, die Autos an den Kreiselzufahrten hupen. Ich werde mich mit dem örtlichen Künstler verbünden, nein, ich werde mich mit ihm verfehden, und eines Tages werden in der Mitte eines Kreisverkehrs meine mit zerschlissenen Frotteehandtüchern vollgestopften Kirschholzkommoden aufgestellt, oder wenigstens Axels Grabsteine aus Beton, das ist schön konkret, das kann jeder erkennen, und darauf kommt es doch an.

Raus aus dem Kreisverkehr, Zentrifugalkraft oder was, zum Friedhof zurück, vielleicht erwisch ich Mutter noch. Preisgünstige Frotteehandtücher kann man praktisch nie genug haben, und wenn ich sie schon heute kaufe, haben sie genug Zeit zu zerschleißen, bis ich wieder hier her ziehe, in ein paar Jahren oder Jahrzehnten vielleicht, möglicherweise. Auf der Gegenfahrbahn der Elektrokarren, der Sargträger drauf, er trägt orange Schlaghosen und ein rosa Rüschenhemd, das ist ja das Schöne an so einem Job, daß man auch mal Feierabend hat.

Copyright: Bov Bjerg

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:06
erstellt von jero

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