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Horst Evers: Protzner

Rückfahrt von Stuttgart nach Berlin. Ich hab keine Reservierung, aber der Zug ist pickepacke voll. Na toll.

Nach nur zwei Stunden wird kurz hinter Frankfurt ein Platz im Speisewagen frei. Immerhin. Wenn ich alle halbe Stunde einen Kaffee bestelle, sichert mir das das Bleiberecht und kostet mich bis Berlin 30 Mark, teure Platzkarte, aber egal. Leider sitzen an meinem Tisch schon Herr Fringer und Dr. Maismann. Offensichtlich macht der eine in Kosmetika, der andere in Textilien. Das wissen mittlerweile alle hier, denn sie quatschen unaufhörlich in ihre Handys:

»Ja, Fringer hier, na der Fringer, von Fringer und Fringer, ich bin jetzt kurz hinter Frankfurt, sagen Sie dem Herrn Protzner, er soll mich zurückrufen, damit wir uns in Berlin gleich treffen können. Die Sache ist sehr wichtig. Meine Nummer ist 0173-4424453, Fringer, sehr wichtig!!!«

Längst ist zwischen Dr. Maismann und Herrn Fringer ein Wettstreit entbrannt, wessen Geschäfte bedeutender sind, also brüllen sie immer lauter in ihre Taschentelefone, damit auch jeder im Wagen ganz sicher von ihrer immensen Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Deutschland unterrichtet ist. Schnell geht es offenkundig um Leben und Tod.

Leider scheint sich Herr Protzner der Bedeutung dieser Geschäfte nicht bewußt zu sein, denn er ruft einfach nicht zurück, weshalb Herr Fringer allein ihn innerhalb einer Stunde genau 18mal zu erreichen versucht.

In Hildesheim steigt Dr. Maismann aus. Offensichtlich hat er verloren und muß zur Strafe in Hildesheim bleiben. Euphorisiert von diesem Erfolg brüllt der siegreiche Fringer nach Hildesheim nochmal doppelt so laut in sein elektronisches Zepter. Das und die beträchtlichen Kaffemengen in meinem Körper führen dazu, daß ich einen verzweifelten Entschluß fasse.

Gehe einen Waggon weiter zum Kartentelefon und wähle Fringers mir mittlerweile hinlänglich bekannte Handynummer:

»Ja, hier ist Protzner, hörn sie zu Fringer, ich bin im Moment gar nicht in Berlin, ich bin im Moment etwas nördlich von Braunschweig bei der Jagd, trotzdem sollten wir uns aber unbedingt treffen, sie wissen ja selbst wie wichtig diese Sache ist. Steigen Sie also in Braunschweig aus, nehmen sich ein Taxi zur nördlichen Stadtgrenze und laufen dann einfach gerade in den Wald hinein. Dann kommen Sie direkt auf mich zu, können Se gar nicht verfehlen!!!«

Illustration von Sibylle Hein

Als ich zurückkomme, kramt Fringer schon hektisch seine Sachen zusammen. er will noch einen Anruf machen, aber der Akku seines Handys ist leer. Oh, da hätte sich die Sache ja fast von selbst erledigt. Überlege kurz, ob ich ihn dann nicht aufklären sollte, komme aber zu dem Schluß, daß es Herrn Fringer sicher mal ganz gut tut, eine Weile durch den Wald zu laufen. Ich verabschiede ihn: »Bleiben Sie stark Herr Fringer, wir alle verlassen uns auf Sie.« Er nickt wissend und hastet dann zum Ausgang.

Endlich Ruhe. Und sogar den ganzen Kaffee hat mir der Mitropa-Kellner, da er zufällig mein Gespräch am Kartentelefon mitgehört hat am Ende spendiert. Netter Zug.

Copyright: Horst Evers

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:06
erstellt von jero

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