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Andreas Scheffler: Alles ist eitel

Ich soll etwas erzählen? - Also gut, ich werde etwas erzählen. Auch wenn ich nicht umhin kann, vorauszuschicken, daß die nun folgende Geschichte dem einen oder anderen zunächst recht belanglos erscheinen mag, womöglich sogar unglaubwürdig oder zumindest seltsam. Ich will aber jedem versichern, daß die geschilderten Vorkommnisse vollkommen der Wahrheit entsprechen, was ich schon allein dadurch zu unterstützen vermag, indem ich selbst, der Erzähler ein recht befremdliches Verhalten an den Tag lege, dies aber hier freimütig, wenn auch mit genanten Gefühlen, vor der Öffentlichkeit gestehe.

Ich hatte an einer Redaktionskonferenz teilgenommen und manch schönen Beitrag für den Abdruck durchzusetzen geholfen. So hatte ich also nicht den geringsten Grund, übellaunig einherzugehen und meiner Umwelt mit einem misantrophischen Blick zu begegnen. An anderen Tagen kommt es nicht selten vor, daß meine Sicht durch Misantrophie getrübt ist; gerade der Jugend stehe ich mißtrauisch gegenüber, und es fällt ihr nicht leicht, mein Wohlgefallen zu erlangen. Besonders was Musik- und Kleidungsgeschmack angeht, lugt allzu oft die Intoleranz in mir hervor, ein Wesenszug, den man nicht pflegen sollte.

Heute aber war nichts davon zu vernehmen, und ich ging heiter zur U-Bahn-Station, meinen Heimweg anzutreten. Während solcher Fahrten von wohl einer halben Stunde trinke ich gerne eine Flasche Bier, um mir die Zeit zum ersehnten Zuhause zu versüßen und mich auf den Feierabend und den ruhigen Tagesausklang einzustimmen. An diesem Abend hatte ich mir von der Redaktionssitzung eine Flasche Staropramen aufgespart, ein hervorragendes tschechisches Gebräu, das nun auch hierzulande bald in jeder Getränkehandlung zu erstehen ist.

Nur kurz war die Wartezeit auf dem überfüllten Perron am Halleschen Ufer. Mit quietschenden Bremsen fuhr die Hochbahn in die Station ein. Erfreut diese erste Etappe des Heimwegs bewältigt zu haben, ließ ich mich in einem Winkel des Waggons auf einen Sitz fallen und öffnete mit einem Feuerzeug die Flasche. Eine Handhabung, die noch vor zwanzig Jahren nur wenige beherrschten, inzwischen aber jedes Kind zu leisten imstande ist.

Noch bevor ich mich jedoch setzen konnte, fragten mich zwei Jugendliche, wohl etwa 15 Jahre alt, höflich nach einer Zigarette. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die bei anderen eine Unvernünftigkeit tadeln, wenn sie selbst diesem Laster frönen. Auch die Jugendlichkeit der beiden hielt mich nicht ab, dem Wunsch nachzukommen, hatte ich doch selbst mit 15 begonnen zu rauchen, und erst recht heute wird man in diesem Alter die Risiken des Tabakgenusses einzuschätzen wissen. Allerdings wollte ich auf jeden Fall vermeiden, daß diese Jungen meine Zigaretten in der U-Bahn rauchten. Folglich fragte ich: »Für hier drinnen oder für nachher?« - »Für nachher natürlich«, sagte der eine, und ich reichte ihm meine vorletzte Lucky Strike dieser Schachtel. »Kann ich auch eine haben?«, fragte der andere, und ich gab ihm die letzte, während der eine sich beeilte, dem anderen mitzuteilen, er möchte doch verzichten, weil es eben nun mal meine letzte sei.« Von solcher Rücksichtnahme überwältigt, konnte ich nur sagen: »Ist schon okay; ich hab noch eine Packung.«, was durchaus der Wahrheit entsprach. Die jungen Leute sagten: »Ey, danke«, ich setzte mich in meinen Winkel und öffnete mein Bier.

Ich trank einen Schluck und schaute nochmal hinüber. Ich kann mein Erschrecken kaum beschreiben, mein Entsetzen, wenn ich mir die nun gewiß folgenden unschönen Szenen ausmalte. Ich hatte beim Eintreten in den U-Bahn-Waggon, während ich den Jungen zwei Zigaretten spendierte, übersehen, daß die beiden mit einer Flasche Vodka hantierten. Sie reichten sich die Flasche Gorbatschow zu, einen nicht besonders guten, aber sehr wirkungsvollen Schnaps, tranken jeder einen Schluck und hielten inne. In diesem Augenblick dachte ich einen Satz, den auch Thomas Mann schon einmal gedacht hatte, übrigens auch in einer Bahn, allerdings einer Eisenbahn; ich dachte: »Das geht nicht gut, das geht nicht gut, das geht keinesfalls gut.« Wir alle kennen sie, die Maßlosigkeit der Pubertierenden. Ihre Grenzenlosigkeit in allen Gefühlsdingen, sei es bei Liebeskummer, Problemen mit der Lehranstalt oder Konflikten zwischen den Generationen. Immer ist die seelische Angegriffenheit gleich eine existentielle Frage. Häufig wird der Alkohol herangezogen, um den nagenden Kummer im Gemüt zu betäuben, und immer ist die Folge eine unwürdige Vorstellung. Wir wissen das aus eigener, gelegentlich noch heute Scham auslösender, Erfahrung. Und nun das mögliche Schauspiel hier in diesem Waggon! Es ist schlimm, Menschen bei etwas zu beobachten, was ihnen in zehn Jahren peinlich sein wird; noch schlimmer aber ist, zu befürchten, es könnte ihnen auch in zehn Jahren noch nicht unangenehm sein.

»Das geht nicht gut«, dachte ich und sah noch immer hinüber. Und ich wurde auf erlösende Weise beruhigt, wie ein Krampf in der Wade, der plötzlich auf wundersame Weise der Normalität weicht. Die beiden Jugendlichen nahmen nicht Hieb auf Hieb des hochprozentigen Schnapses. Nein, sie hielten inne und sprachen vernünftig miteinander. Ich konnte verstehen, wie der andere sagte, jetzt sei es auch mal genug mit dem Alkohol, er habe keine Lust mehr. Der eine entgegnete, daß man ruhig ab und zu auch mal einen trinken könne. Aber eben nur ab und zu. Die beiden hatten meine volle Sympathie. Und ich hatte vorher auch bereits ihre gewonnen.

»Vanitatum vanitas et omnia vanitas.« Und nun, dies muß ich ununwunden gestehen, gewann die Eitelkeit Herrschaft über mich. Ich wollte die Sympathie der jungen Leute für mich noch steigern, ihnen die Versicherung geben, daß ich ihnen wohl wolle. Wenige Minuten vor meinem Umsteigebahnhof ging ich mit dem Staropramen in der Hand zur Ausgangstür gerade neben den zwei disziplinierten Zechern. Fröhlich fragte ich den mit dem Vodka, auf die Flasche deutend: »Krieg ich auch einen Schluck?« Er schaute kurz erstaunt und reichte mit dann den Schnaps. Entschlossen nahm ich einen einen kräftigen Zug, bedankte mich und gab dann die Flasche zurück. Die Reaktion war erstaunlich und übertraf meine Erwartungen bei weitem. »Ey, Du bist cool, Mann, echt.« Seine Begeisterung kannte keine Grenzen. Dieser junge Mann war überwältigt, weil ich, ein Erwachsener, ihn um einen Schluck Schnaps gebeten hatte, statt ihn von oben herab zu tadeln. »Schlag ein, Mann«, sagte er, hielt mir seinen Arm hin, und ich schlug meine Handfläche auf seine. »Echt cool, ey. Und fährst du jetzt zu deiner Frau?« Ich bejahte. »Das hab ich mir gedacht. Echt cool, Mann!« - »Tschüß«, sagte ich beim Aussteigen, die beiden riefen: »Machs gut, Alter«, was ich unter anderen Umständen als ungebührlich betrachtet hätte, heute aber als einen freundlichen Gruß auffaßte.

Auf dem Rest des Rückwegs gingen die Gedanken her und hin. Hatte ich mich richtig verhalten? Was war da mit mir durchgegangen? In einer heiteren Laune, beflügelt von einem befürchteten desaströsen Akt, der gottseidank nicht stattgefunden hatte, war ich von der Gefallsucht geritten worden. Ich wollte mich als toleranten Erwachsenen präsentieren, der Jugend zum Vorbild, den Gleichaltrigen zur Mahnung. Ich zweifelte, ob diese Haltung tolerabel war.

Endlich daheim, erzählte ich meiner Frau die ganze Geschichte. Die Geschichte von der Bahnfahrt, bei der ich mich, umgangssprachlich ausgedrückt, bei der Jugend eingeschleimt hatte. Sabine sagte: »Meine Herren, hätten wir uns damals gefreut, wenn wir so behandelt worden wären! Ernstgenommen worden wären, von gleich zu gleich!«

Ich sehe das heute mit ein wenig Abstand auch so. Und ich habe es erzählt, ohne etwas hinzuzufügen und ohne etwas zu verschweigen.

Copyright: Andreas Scheffler

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:06
erstellt von jero

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