Uli Hannemann: Neulich am Nebentisch
Sie waren zu viert - drei Männer sowie eine Frau - und saßen an dem Ecktisch unserer kleinen Skatrunde direkt gegenüber. Vor zehn Minuten waren sie gemeinsam hereingekommen und unterhielten sich über Computer-Probleme - auf Englisch, denn einer der Männer sprach wohl kein Deutsch. Ich spielte gerade einen wackligen Grand ohne Drei, als die Frau lauter und ich hellhörig wurde:
»Du warst beim Sex immer nur bei dir«, beschwerte sie sich gut vernehmbar - zumindest einen der Männer schien sie genauer zu kennen.
»Anderes Thema«, erwiderte der Angesprochene und lachte seine beiden Geschlechtsgenossen verlegen an. Gehemmt grinsten diese zurück.
»Ich weiß ja nicht, wie das inzwischen bei dir ist«, ignorierte ihn die Frau, »aber früher konntest du nie richtig loslassen. Ich hab mich im Bett dann immer total alleine gefühlt. Zweimal in der Woche hast du den Löffel in mich reingesteckt und autistisch in mir rumgerührt wie ein frustrierter Kantinenkoch in einem Stahlbottich Kartoffelsuppe!«
Leise antwortete der Kantinenkoch irgendwas. Ich lehnte mich zurück, um besser verstehen zu können - den Grand hatte ich eh verloren. Regine mischte und gab neue Karten.
»Es kommt nun mal nicht nur auf die Technik drauf an. Guten Sex machen kann jeder, jeder Vergewaltiger kann guten Sex machen«, schrie die Frau.
Der Vergewaltiger zog den Kopf ein. Er tat mir fast ein bißchen leid. Die beiden anderen unterhielten sich ein wenig bemüht und auf Englisch über Computer-Probleme.
»Ihr Schwanzfaschisten glaubt«, ereiferte sich die Frau mit rücksichtsloser Lautstärke, »mit eurem Ding löst ihr alle Probleme - das ist ein totaler Irrtum, deswegen hab ich mich dir damals auch irgendwann verweigert. Du hast mir ja leid getan, aber darauf hatte ich echt keinen Bock mehr!«
»Braucht ihr noch irgendwas?«, fragte die Bedienung und räumte ein paar leere Flaschen Doppelbock ab, »ein Mikrofon zum Beispiel?«
»Nein danke«, sagte die Frau, »nett gemeint!«
Sie brauchte wirklich kein Mikrofon - bis auf ausgerechnet meine Mitspieler, saß mittlerweile die ganze Kneipe, zum Teil mit über den Lehnen verschränkten Armen, zu ihr gewandt und lauschte gebannt. Ich verlor einen Null-Ouvert mit drei Assen und war mit Geben dran.
»Du hast das nie kapiert«, schrillte die Frau weiter, »man kann tollen kalten Sex haben mit irgend jemandem, den man nie zuvor gesehen hat und schlechten Sex haben und sich trotzdem total nah sein dabei. Wenn ich jemanden liebe«, verfiel sie in einen leicht klagenden Tonfall, »dann will ich lieber letzteres haben. Im Idealfall natürlich beides!«
»Was, beides?«, fragte der Schwanzfaschist. Er schien längst kapituliert zu haben.
»Na schlechten Sex...«, sagte die Frau langsam, nach einer längeren Denkpause. Sie schien bereits ordentlich getrunken zu haben.
»Lauter!«, kam es von weiter hinten.
»Oh, Entschuldigung«, meinte die Frau, »also ich meinte, äh, kalten Sex...«
»Du hast aber schlechten Sex, gesagt«, warf ein anderer Gast ein.

»Ja - natürlich! Also man kann kalten Sex haben und schlechten Sex und man kann guten Sex haben und schlechten Sex, tollen schlechten Sex«, sagte die Frau. Sie machte jetzt einen etwas verwirrten Eindruck. Ihr, dem Vernehmen nach, Ex-Typ saß völlig in sich zusammengesackt daneben. Die Begleiter der beiden sprachen über Computer-Probleme.
Ich mischte noch immer. »Wie wär’s, wenn du’s zur Abwechslung mal mit den Spielkarten versuchst«, grinste Flo und nahm mir die Bierdeckel aus der Hand.
»Das verstäh nich«, sagte ein hinzugetretener Rosenverkäufer, »isse Sexe gut, isse Sexe schlecht - isse Sexe schlecht, isse Sexe gut. Verstäh nich?«, schüttelte er den Kopf.
»Ich sage gar nichts mehr«, rief die Frau trotzig in den Raum.
»Zieh doch den Publikumsjoker«, riet eine.
»Na gut«, seufzte die Frau erleichtert auf, »das mach ich - also, wer kann meinem bescheuerten Ex-Freund und dem Rosenverkäufer und mir erklären, was hier eigentlich Sache ist?«
Die Leute steckten die Köpfe zusammen, tuschelten und berieten sich. Dann stand eine kleine Frau mit einer dicken Hornbrille auf und verkündete das Votum: »Also ich finde, daß man lieb zueinander sein soll, auch in Zeiten, wenn es vielleicht mal nicht so läuft. Dann zeigt sich erst, was man aneinander hat und überhaupt finde ich, daß das mit dem Sex gar nicht so wichtig ist, wie du, Gisela - ich darf dich doch Gisela nennen? - denkst.«

Betretenes Schweigen breitete sich aus. Einige weinten. Zweieinhalb spielten Karten. Zwei sprachen über Computer-Probleme.