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Hartmut El Kurdi: Grenzerfahrungen

In meiner Wohnung tut mir niemand was. Keiner belästigt mich mit Dingen, mit denen ich nicht belästigt werden möchte - wenn ich mal von Gnomen absehe, die plötzlich vor mir stehen und kryptische und mit unabsichtlichen Alliterationen gespickte Sätze wie »Papa, Puppi Popo putzen!« von sich geben und mir dabei den Hintern eines kotzhäßlichen Stoffpüppchens vor die Nase halten. Aber über die eigenen Kinder zu schreiben, ist bekanntlich fast so schändlich, wie sie mit einem Ledergürtel zu verdreschen, und außerdem passieren einem draußen in der Welt viel lästigere Dinge. Und je weiter man hinaus geht in die Welt, desto lästiger werden sie.

So ist es zum Beispiel für mich schon immer ein zweifelhaftes Vergnügen gewesen, Ländergrenzen zu überqueren. Selbst der im Alter von 16 Jahren von mir erworbene deutsche Paß macht das Reisen für ein südländisch, ergo drogenhändlerisch und terroristisch aussehendes Wesen wie mich nur geringfügig komfortabler. Eine zeitlang bediente ich mich eines Tricks: Ich unternahm Auslandsreisen nur noch mit einem halbafrikanischen Freund. »Da kannste deinen Arsch drauf verwetten«, sagte mir dieser, »neben mir wirst du hundertpro nicht kontrolliert.«

Ich glaubte ihm kein Wort. Durch die jahrelang genossene Sonderbehandlung bei Grenzübertritten fühlte ich mich auf die Opferrolle abonniert. Schließlich war mir immer wieder das volle paranoide Kontrollprogramm der Uniformierten zuteil geworden: vom Ausweisdaten-Durchfunken über das Rucksack-Auskippen bis zum Aus-dem-Zug-Holen (Einmal bot mir ein Grenzer sogar die Königsschikane seiner Zunft an: die klassische manuelle Rektaluntersuchung - glücklicherweise blieb es bei dem Angebot).

Aber ich mußte lernen, daß man es noch schlechter treffen kann. Oder auch besser. Kommt auf die Perspektive an. Um es mit den Worten meines Afro-Freundes Olli zu sagen: »Hast du nen Neger mit dabei, bist du dem Zöllner einerlei.« Angesichts der dunkelbraunen Hautfarbe meines Reisegefährten verblaßte ich in den Augen der Grenzbeamten augenblicklich, ebenso spielten meine schwarzen Haare anscheinend urplötzlich ins Dunkelblonde. Ich nenne diese Phänomen »Spontane kontrastbedingte Arisierung«. Konsequenz: Ich blieb tatsächlich unbehelligt. Der dunkle Olli dagegen wurde in meiner Gegenwart mehrmals sowas von kontrolliert und gefilzt, daß selbst ich mit meinem reichen Erfahrungsschatz den beteiligten Beamten (u.a. Deutsche, Belgier und Briten) nur meinen Respekt für diese professionelle Liebe zum Detail aussprechen konnte.

Inzwischen reise ich wieder alleine, bzw. meist mit ziemlich deutsch aussehenden Menschen. Aber es macht immer weniger Spaß. Grade in letzter Zeit ist es zum Stubenhocken. Als ich kürzlich solo nach Basel fuhr, wurde ich mal wieder als einziger im ganzen Großraum-Abteil kontrolliert. Zunächst begutachtete ein schweizerischer Grenzer mehrere Minuten meinen Personalausweis, buchstabierte dabei immer wieder meinen Namen und mein Geburtsdatum in sein Handy - als sei sein Gesprächspartner am anderen Ende entweder schwerhörig oder nicht bereit zu glauben, daß jemand tatsächlich Hartmut El Kurdi heißen und am 15. 10. 1964 in Amman/Jordanien geboren sein könnte. Dann durchwühlte er meine gesamten Gepäckstücke, schraubte wie im Film die Zahnpastatube auf, entrollte sogar akribisch die Socken-Päckchen, um schließlich frustriert in meinem Notizbuch zu blättern. Er blieb ausgerechnet auf der Seite hängen, auf die ich »Fußpilz heißt auf englisch athlete’s foot!!!« gekrakelt hatte. Er las, runzelte die Stirn, sah auf und fragte mich mit seinem für mich leider nicht ganz ernstzunehmenden schweizerdeutschen Kasperakzent: »Sind sie geschäftlich unterwegs?«

In diesem Moment beschloß ich, eine Kontaktanzeige aufzugeben. Was ich hiermit tue. Also: Junger Mohr zum Mitreisen gesucht. Je schwärzer, desto besser. Dringend!

Copyright: Hartmut El Kurdi

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:06
erstellt von jero

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