Falko Hennig: Der Schrund - Psoriaris Vulgaris
Mir braucht niemand erzählen, daß es eine harmlose Krankheit ist. Vielleicht habe ich mich selber mal in dieser Richtung geäußert. In diesem Fall habe ich gelogen in Bezug auf Psoriaris Vulgaris, auf deutsch Schuppenflechte.
Es waren ja nicht die kleinen winzigen Hautschuppen, die man von seinem Jackett bürsten konnte, es waren große Flatschen, die sich bildeten, wie weißer, nein, eher gelblicher Schorf, der eklig und wie geronnener Eiter aussah. Mal ganz abgesehen davon, daß es juckte und ich mich blutig kratzte und der Boden jedes meiner Aufenthaltsorte nach kurzer Zeit mit Schuppen bedeckt war. Ich hoffte immer, es würde niemand bemerken.
Diese vielen Salicylöle, Teersalben, Dithranolbehandlungen, diese schmerzhaften Auskämmereien, mit denen meine Mutter mich quälte. Die feinen Kämme und sich blutig färbende Schuppen, die zwischen den Zinken zu einer grauen, zähen Schicht wurden, wenn sie wegen der Beanspruchung nicht gleich ganz herausbrachen.
Wir hatten eine Höhensonne zu Hause, von der ich mich nackt bestrahlen lassen mußte, lediglich mit einer dunklen Schutzbrille bekleidet, die fast undurchlässig schwarz war und deren ovale Scheiben und Gummis Schattenspuren hinterließen, die danach als weiße Haut auffielen. Als diese Lampe auch nicht mehr half, mußte ich zu einer besonderen Bestrahlung in die Charité, während der ich auf einem Fahrradhometrainer zu treten hatte. Auf den Sattel wurde für jeden neuen Nutzer frischer Zellstoff gelegt, wegen der Hygiene.
Auch die Kur, zu der ich einen Sommer nach Usedom konnte, war nicht erhebend, in einer Villa mit vielen anderen Hautkranken, da tröstete es nicht übermäßig, daß es viele noch sehr viel schlimmer getroffen hatte, als mich.
Zum Glück sah man mir oft nichts an. Aber auf meinem Kopf befand sich eine richtige Borke, so nannte es auch der Arzt, es wurde versucht, sie mit Öl aufzuweichen und dann herauszukämmen, riesige Stücken rissen dabei mitsamt den Haaren heraus, es blutete, der ganze Kopf war wie wund. Danach wurde eine andere Substanz draufgestrichen, die brannte wie die Hölle und kein bißchen half. Die Tortur schien völlig sinnlos zu sein, nur Stunden später war mein Kopf wieder mit einem widerlichen Helm bedeckt. Wenigstens war es nicht sofort zu sehen, aber vom Öl fettiges Haar mußte jedem unangenehm auffallen.

»Krätzjoe!«, rief mich Ernst Stamm, einer aus der Klasse, andere machten auch ihre Bemerkungen. Ins Schwimmbad mußte ich eine Bescheinigung mitbringen, daß ich unter einer nichtansteckenden Hautkrankheit leide, meist verzichtete ich lieber ganz auf Besuche dort.
Ich haßte es, wenn mir Erwachsenen über den Kopf strichen, oh wie ich es haßte! Und sie machten es so oft, schienen es für eine nette Geste zu halten, dabei war ich doch kein Hund, den man einfach streicheln durfte. Lange war auf dem Kopf ja nichts zu sehen, nur wenn mir besonders wohlmeinende Lehrer oder andere Erwachsene über die Haare strichen geschah etwas Schreckliches. Sie waren darauf nicht vorbereitet. Denn unter meinen Haaren, die allenfalls etwas ungekämmt aussahen, lauerte das Grauen. Da war keine Kopfhaut mehr, es war nur noch Grind, gigantische Gebilde, wie Streusel auf Streuselkuchen, die sich so widerlich anfühlten, daß ich selber nicht gern dorthin faßte.
Die Erwachsenen erstarrten in ihrer Handbewegung wie plötzlich eingefroren, versuchten sich nichts anmerken zu lassen, was ihnen immer völlig misslang. Sie waren ja jetzt auch in einer schwierigen Situation, sie konnten nicht, wie ihnen der erste Reflex riet, die Hand angeekelt zurückziehen. Sie versuchten so zu tun, als hätten sie es sich anders überlegt und schauten nachdenklich aus dem Fenster, um irgendwann, wie gedankenverloren ihre Hand von meinem Kopf zu heben. Ich war froh, wenn es dann vorbei war, wenn sie nicht noch das Gespräch darauf brachten, wie schlimm diese Schuppenflechte bei mir sei, welche Behandlungsmethoden es gebe und ob man das nicht heilen könne.
Ich haßte es, nahe mit Menschen zusammen zu sein, denn dann konnten sie es sehen. Es war ja nicht so, daß ich einige Schuppen auf dem Kragen hatte, es rieselte die ganze Zeit von mir, es wäre ein leichtes gewesen, meine Spur anhand der verstreuten Schuppen durch die Stadt zu verfolgen. Einmal fragten mich welche in der Schlange zur Schulspeisung, was ich denn da weißes in den Haaren und auf der Jacke hätte. »Zucker!«, sagte ich und blieb bei dieser absurden Behauptung.
Wenn ein Museum für mich gebaut wird, dann muß dort ein eigenes Zimmer mit meinen Schuppen gefüllt werden, um diese Dimension meines physischen Erdendaseins zu verdeutlichen.
An den Problemzonen, Ellenbogen und Knien, hinter den Ohren und auf der behaarten Kopfhaut ging es nie weg, jedenfalls fast nie, manchmal nahm es ohne Logik zu, blühte auf, erst am Körper, so daß ich es noch mit langer Kleidung kaschieren konnte, schließlich aber bildeten sich die kleinen rötlichen, schuppenden und blutenden Stellen aber auch an den Händen und im Gesicht. Erst kleine Punkte, dann größer werdend, immer größer, wuchsen sie zu Flächen, die den ganzen Körper zu bedecken drohten. Niemandem, der mich ansah, gelang es, sein Erschrecken und seinen Ekel zu verbergen. Und dann kam die Pubertät und alles wurde noch viel, viel schlimmer.