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Sarah Schmidt: Was Landkinder gerne haben

Simone lebt auf einem Dorf und pflegt ein obskures Hobby. Sie bekommt ein Kind nach dem anderen. Mittlerweile hat sie drei, und von denen ist noch nicht eins in der Schule! Ich mag kleine Kinder. Wirklich! Ich kneif ihnen in die Backe, dann nehme ich so ein Kind auf den Arm, schüttele ich es ein bißchen und dann ist gut.

Simone wollte mich besuchen. Mit den Kindern! Und ohne ihren Mann, denn der muß tagein tagaus Geld scheffeln, um ihr kostspieliges Hobby zu finanzieren.

»Simone, so ne Großstadt ist aber nix für Kinder«, versuchte ich das Unglück abzuwenden.

»Ach Sarah, ich muß einfach mal raus, mal wieder was anderes erleben.« Wie das gehen sollte, ohne Babysitter, sagte sie nicht. »Also gut«, sagte ich, »dann komm halt vorbei.«

Wir waren im Zoo, auf dem Spielplatz, sogar im Schwimmbad. Simone und ich waren nicht einen Abend aus, obwohl ich alles versuchte: »Der Julian ist doch schon Fünf, der kann doch auf die beiden Kleinen mal aufpassen. Das ist gut für Kinder, Verantwortung zu übernehmen.«

Nach sechs Tagen war ich total erschöpft. Wußte nicht mehr, was wir am letzten Tag denn jetzt noch Schönes machen könnten. Also zog ich mein letztes Ass aus dem Ärmel: »Los, wir gehen jetzt ins KaDeWe - Rolltreppe fahren!«

Ja, ich weiß was Landkinder gerne haben. Rolltreppen- und U-Bahnfahren, das ist für die das Schönste. Wir zogen zum Wittenbergplatz und fuhren hoch und runter, hin und her. Die Kinder waren begeistert, ich war die liebste Tante der Welt. Dann entdeckte Julian den gläsernen Fahrstuhl, der dort die 6. mit der 7. Etage verbindet.

Ich hege eine gewisse Vorsicht gegenüber Aufzügen. Aber der Lift des KaDeWes ist aus Glas, er muß nur ein paar Meter Höhenunterschied überwinden und schwebt dabei majestätisch. Wir fuhren langsam in die Höhe und nach etwa vier Metern blieben wir ganz stehen. Simone war beeindruckt.

»Boah, das ist ja toll. Bleibt der auf der Hälfte der Strecke stehen, damit man noch mal in Ruhe gucken kann. Super.«

Menschen vom Land können ja so naiv sein.

»Julian, drück noch mal den Knopf.« Nichts geschah. Er stemmte seinen ganzen kleinen Körper gegen die Schalterleiste, ohne Erfolg.

»So, jetzt hast du den Fahrstuhl kaputt gemacht!«

Er fing an zu weinen und dann erkannte auch Simone, daß es sich keineswegs um einen besonderen Service des Kaufhauses handelte.

»Sarah, mach was.«

»Was denn?«

»Weiß ich doch nicht, du wohnst schließlich hier.«

Es war zwecklos ihr zu erklären, daß auch ich nicht im Fahrstuhl des KaDeWes wohne. Ich suchte den Notrufknopf, der uns mit der Zentrale verbinden soll. Doch dieser kleine Lautsprecher ist mit nichts verbunden, außer mit der Zierleiste. Wir mußten anders auf uns aufmerksam machen. Langsam wurde ich panisch. Ich hatte Angst, aber schließlich war ich die einzige Erwachsene an Bord. Simone kann man da nicht mitzählen.

»So, niemand bewegt sich, wir wollen ja nicht noch tiefer sinken. Wir machen die Menschen auf uns aufmerksam und die holen Hilfe.«

Illustration von Sibylle Hein

Ein genialer Plan. Wir schwebten etwa zwei Meter über den Köpfen der anderen, freien Kaufhausbesucher. Also begannen wir zu klopfen und mit den Armen zu wedeln. Sie winkten freundlich zurück. Vermutlich dachten sie, wir wären ein Werbegag des Kaufhauses.

Ich griff nach meinen Zigaretten. »Ich habe noch drei Zigaretten, die rauche ich und dann geht der Feuermelder an.« Aber im Fahrstuhl gibt es keinen Feuermelder. Jetzt blieb nur noch eines.

»Simone, wir müssen Opfer bringen. Deine Kinder! Die haben uns schließlich in diese Situation gebracht.«

Ich legte eine kurze Kunstpause ein, in der Simone sich alles vorstellen durfte, was ich gleich mit ihren Blagen veranstalten könnte.

»Kleine Kinder haben doch biegsame Knochen?« Sie nickte.

»Also, wir geben jedem eine neue Form und halten sie dann an die Glasscheibe.«

»Hä?«

Ich nahm mir das kleinste aus dem Kinderwagen und brachte seinen Körper in die Form eines S, Julian macht das O und die kleine Anna das zweite S. Sie haben sich gewehrt, aber wir bekamen doch ein passables SOS zustande.

Endlich nahm man Notiz von uns und kurz darauf fuhr der Lift tatsächlich nach oben. Eine Verkäuferin empfing uns am Ausgang. Keine Decken, kein Arzt, kein heißer Tee wartete auf uns. Nur ein lakonisches: »Ja, da kann man nichts machen, mal fährt er und mal nicht.«

Copyright: Sarah Schmidt

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:06
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