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Heiko Werning: Heraus zum 1. Mai

Das Telefon klingelte, und Felix meldete sich: »Mensch, Susi und ich wollten dich doch schon seit langem mal, und am 1. Mai ist ja Feiertag, und da dachten wir... «

Wenn man wie ich, aus der Provinz kommt, aber seit Jahren in Berlin lebt, bekommt man immer schön regelmäßig Besuch. Zwei Wochen später standen sie vor der Tür, pünktlich abends am 30. April, und statt mir einfach gemütlich in eine der zahlreichen kleinen Juwelen des Weddings zu folgen, um dort bei Bier und gutem Essen ein wenig zu plauschen, zog es meine Freunde von früher in die große weite Stadt: »Mensch, heute ist doch Walpurgisnacht, da ist doch überall total viel los, da gibt’s tolle Feste und so.«

Ich versuchte, sie von dem Plan abzubringen: »Da ist alles voll mit Touristen und Bullen, alle stehen rum und warten, daß irgendwann was passiert, und garantiert findet sich irgendein Lagerfeuer, das gelöscht werden muß, und schon geht es los...«

»Ach Quatsch, jetzt stell dich nicht an. Wenn wir uns schon trauen...«

»Das hat nichts mit trauen zu tun, ich will einfach nur nicht nassgespritzt werden und ständig vor irgendwem wegrennen«, quengelte ich, aber sie zerrten mich aus der Wohnung und anschließend auch noch aus meinem Wedding.

»Ich habe gelesen, am Mauerpark steigt ’ne große Party. Wo ist denn der?«, fragte Susi.

»Der Mauerpark? Äh, da fahren wir bis zum Zoo, steigen dort in die S-Bahn und dann bis Nikolassee...« Sie glaubten mir nicht.

Vom U-Bahnhof Eberswalder Straße kamen wir keine fünfhundert Meter in Richtung Oderberger, da bauten sich vor uns schon drei Polizisten in schwerer Montur auf. »Ausweise!«, blaffte einer uns an. Müde wollte ich den meinen aus dem Portemonnaie kramen, da riß der eine ihn schon an sich. So viel also zur Strategie der ausgestreckten Hand. Knurrend ließen sie uns passieren. »Das war erst der Anfang!«, sagte ich.

»Oh, wie aufregend«, erwiderten sie und hüpften ganz euphorisch um mich herum. Ich fügte mich in mein Schicksal und ließ in den folgenden Stunden das Getrommel auf Congas, Bongos oder was weiß ich, das aus jeder Ecke quoll, ebenso über mich ergehen wie das Gegrunze ungepflegt aussehender Gestalten, die mit ihren Hunden um Bierkästen herumlungerten, dazu das Getuschel von Touristengrüppchen, die aufgeregt Gerüchte kolportierten, daß am Kollwitzplatz angeblich schon Flaschen geflogen seien, auch drei weitere Polizeikontrollen sowie umherirrende Fernsehreporter, die in ihre Mikrofone quakten, daß noch zwar nichts passiert wäre, die Lage aber hochgradig gespannt sei und jederzeit eskalieren könne, man bleibe dran. Glückselig strahlend kam Felix mit ein paar verkokelten Würstchen an, die er von >total coolen, freundlichen Typen< bekommen hatte, für zwei Euro fünzig das Stück. Susi hatte Bier für uns besorgt. Wehmütig dachte ich daran, daß ich jetzt auch >gambas al ajillo< bei meinem Lieblingsspanier essen könnte, während die Rußplaques zwischen meinen Zähnen knirschten. Dabei fiel mir meine Flasche zu Boden. Es splitterte, die Trommeln erstarben, ein kurzer Moment der Stille wehte über den Mauerpark, dann stürzten Kamera-Teams herbei und filmten die Scherben in Großaufnahme.

»Okay, ich glaube, jetzt ist es Zeit zu gehen«, knurrte ich, schnappte meine Begleiter und bugsierte sie Richtung Bernauer Straße. Auf dem Weg kamen uns bereits die mobilen Einsatzkommandos der Polizei entgegen getrabt - immerhin hatten sie jetzt keine Zeit mehr für Kontrollen -, ein erster Wasserwerfer rollte heran. Blaulicht und Sirenen aus allen Richtungen. Ich leitete meine Besucher durch Seitenstraßen und atmete erleichtert auf, als wir schließlich die Brunnenstraße erreicht hatten. Die beiden waren jetzt ganz blass und still.

 

Ein 8er-Nachtbus stand bereit, und wir stürzten los, um ihn noch zu erwischen. »Nur keine Eile«, sagte der Fahrer, »wir wissen noch gar nicht, wo wir langfahren.« Neben ihm drängten sich drei aufgeregt diskutierende Passagiere, ein Falkplan wurde gezückt.

»Und wenn wir durch die Ackerstraße...?«, sagte der eine.

»Ich müsste aber eher hoch zur Voltastraße...«, protestierte der andere.

»Ist alles gesperrt«, grummelte der Fahrer.

»Fahren Sie doch runter zur Chausseestraße!«, brüllte es aus dem Hinterraum.

Schon beim Nordbahnhof machten Straßensperren den Plan zunichte. Blaulicht flackerte durch den Bus und ließ die ohnehin bleiche Gesichtsfarbe meiner Besucher noch ungesünder aussehen. »Will hier jemand raus?« fragte der Fahrer über den Lautsprecher. »Könnten sie links runter 200 Meter weiter fahren?«, rief es von der Hinterbank zurück. Ein Typ in Lederjacke kämpfte sich vor, um uns zu dirigieren. »Ja, hier, besten Dank. Wenn Sie den Moment eben warten? Der Zigarettenautomat ist gleich da vorne, bin sofort zurück.« Er kam noch einmal, um passendes Münzgeld einzuwechseln, dann stieg er wieder ein.

Irgendwo Nähe Reinickendorfer verloren wir die Orientierung. Wir diskutierten leidenschaftlich, von hinten rief eine ältere Dame »Ich müsste nach Steglitz!«, dann waren wir plötzlich doch auf der Müllerstraße. Ecke Seestraße ließ ich uns absetzen; verschreckt trotteten meine Besucher hinter mir her.

»So, können wir jetzt endlich irgendwo gemütlich ein Bier trinken?«, fragte ich sie, als ich hinter mir plötzlich einen leisen Fluch und ein dumpfes Aufschlagen hörte. Als ich mich umdrehte, erblickte ich Felix am Boden. »Scheiße!«, brüllte er, »Scheiße! Hundescheiße! Ich bin drin ausgerutscht!«

 

Als wir in die Notaufnahme des Virchow kamen, war dort der Teufel los, von einem Arzt keine Spur. »Rollen sie den Wagen hinter die Liegen da und warten Sie. Sie sind Nummer 17«, befahl eine resolute Krankenschwester. »Aus Münster sind Sie? Na, ein bißchen Abenteuer gespielt?«

»Nein, gar nicht!«, verteidigte Felix sich, wir waren ganz normal unterwegs, und ich bin nur in einem Hundehaufen...« Sie winkte ab.

Letztlich wurde ein doppelter Kreuzbandriß diagnostiziert. Felix und Susi haben mich seit jenem 1. Mai nie wieder besucht.

Copyright: Heiko Werning

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:06
erstellt von jero

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