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Ahne: Man muß ja nicht immer gleich lachen

Mittwoch, den 14. Mai 2003. Reimt sich. Könnte man gleich mal ’n Gedicht draus machen. Terror war ja wieder. Gestern, vorgestern, heute bestimmt auch, irgendwo. 90 Tote oder so. Huch, dis reimt sich ja auch. Hat sich der Reimteufel wohl meiner Finger bemächtigt. Dieser schlimme Schlawiner. Werd ich ihn mal austreiben müssen. »Hinfort mit dir, du gehörnter Gesell. Weg, weg! Mach dich vom Acker! Renne, lauf, wenn dir dein Leben lieb ist. Aber plötzlich! Sieh zu, daß du Land gewinnst!«

Na bitte: geht doch. Der Reimteufel ist verschwunden und die Sonne scheint. Gehe auf meinen Beinen aus dem Haus. Gehe die Lottumstraße hinunter auf die Choriner zu. Weiche Hundekackehaufen aus, biege in die Choriner ein und laufe sie sie bis vorne zur Schönhauser. Das wird ja eine richtige Heimatgeschichte. Hat sich da der Heimatgeschichtenteufel meiner Finger bemächtigt? Werde ihn vorsorglich gleich mal austreiben, auch wenn ich annehme, daß es ihn in Wirklichkeit gar nicht gibt. Haue also mit beiden Händen gegen meinen Kopf. Die Leute gucken komisch, sie glauben sicher nicht an Teufelsaustreibungen. Sie sind aufgeklärte Menschen, die Punkte auf Bonuskarten bei Kaisers Kaufhalle sammeln und den Politikern kein Wort glauben. Sie ziehen ins Grüne, wenn sie Kinder haben und es sich leisten können. Sie haben Angst vor dem Terrorismus, aber sind ja nicht alle Moslems gleich Terroristen. Aufgeklärte Menschen eben.

Habe gestern eine Kinderdisko gemacht für 8jährige. Zirka zehn Lieder mußte ich von den Ärzten spielen, vier Lieder von der deutschen Rapreimteufelgruppe >Fettes Brot< und drei Lieder von dem weissen Neger >Eminem<, den, der immer so böse guckt. Die Kinder waren ganz wild auf diese Songs, was allerdings noch lange nicht hieß, daß sie deswegen auch dazu tanzten. Nein, aber zu der Musik konnte man ja auch prima ganz andere Sachen machen. Zum Beispiel prima Karten spielen, prima Cola trinken und sich prima rumprügeln. Das fetzte voll rein, hätten wir früher gesagt. Oh, der Nostalgie-Teufel, na scheiß drauf! Nein, sie sagten einfach, wie es sich für diese Zeit gehört, geil!

Meine Mutter findet ja das Wort >geil< nach wie vor hässlich. Sie verbindet das aber auch immer noch mit vulgärer Sexualsprache. Sie fragt sich, warum die die Kinder nich >gut< sagen können, oder >schön<! Dis höre sich doch viel besser an. >Ja, stimmt, richtig geil<, muß ich in Gedanken meine Antwort vernehmen, was ich allerdings dem billigen Provokationsteufel zuschreibe, der ganz im Gegensatz zu dem teuren Provokationsteufel... - ach jetzt hör aber mal auf.

Man kann auch übertreiben, finde ich. Dann is dis nämlich gar nicht mehr witzig. Man versaut sich die die Pointe völlig. Hatte zum Anfang noch, sagen wir mal, die Weltbevölkerung gelacht über dis erste Mal Teufel - warte mal, muß ich jetzt mal die Seite zurückschlagen, genau, Reimteufel, darüber gelacht - so sind dis dann zum Schluß bei dem teuren Provokationsteufel ja grade mal noch, gar keiner mehr gewesen. Oder, na gut, einer, ich, vielleicht. Aber auch nicht so richtig ehrlich. Voll verlogen hab ich da gelacht, so >Hahahah!<, so, na voll verlogen eben. Wie die alle in dieser Comedy-Branche lachen, die Zuschauer sogar. Dis glaub ich einfach nicht, daß die da wirklich lachen. Vielleicht is dis auch nur so der ihr Weinen, was da als Lachen rauskommt? Vielleicht, oder die lachen über sich selber, weil sie so dumm waren, und da überhaupt hingegangen sind; oder aber - boh, apokalyptisch - die wissen gar nicht mehr, warum sie eigentlich lachen, die lachen eben. Die sind da zum Lachen hingekommen, und dann lachen sie eben. Pflicht erfüllt, Super!

Obwohl die ja gar keiner dazu gezwungen hat, wir leben ja schließlich in einer Demokratie. Hier kann einem keiner vorschreiben, über was man zu lachen hat. Ich zum Beispiel lach manchmal sogar über den Bundeskanzler, na und?! Soll da ma einer was sagen, den würd ich gleich voll selber auslachen. Ich lach auch über Gott, obwohl’s dem grade gar nicht so gut geht, bin ja grade nämlich unterwegs zu ihm.

Dem geht’s ja ziemlich schlecht. Fieber hat er und Kopfschmerzen. Dem wollt ich ein bißchen unter die Arme greifen. Unter den Achseln kitzeln - nein Quatsch, ich wollt dem nur ein Süppchen kochen. Mohrrübensüppchen. Mag er zwar nich, aber was sein muß, muß sein. Von allein geht so ’ne Grippe ja nich mehr so schnell weg in dem Alter. Da muß man was für tun, zum Beispiel Mohrrübensuppe.

Hat er ja zum Anfang gedacht, dis wäre jetzt SARS, weil er ja auch schon mal in China war und die da jetzt in der Zeitung ein dermaßenes Spektakel drum veranstalten. Dabei war Gott zum letzten Mal 1789 in China, als hier in Europa grade französische Revolution war, war Gott natürlich in China. Wenn hier schon mal was passiert. Naja, war er aber auch nur kurz, Kurzurlaub, und damals gabs dis mit dem SARS auch überhaupt noch nich. Ich glaub, damals gabs noch nich mal Hühnersuppe oder AIDS. Da war die Welt noch in Ordnung, grob gesehen.

Konnte ich Gott auch zum Glück schnell ausreden, dis mit SARS. Der is ja ein solcher Jammerlappen, Mann-O-Meter, da liegt der im Bett und stöhnt, und ich bin mir aber sicher, kaum bin ich zur Tür draussen, schwupp, da sitzt Gottchen schon und hat die Fernbedienung schnell zur Hand, und dann wird da auf Teufel komm raus Fernsehen geglotzt. Der hat ja jetzt auch dieses digitale Antennenfernsehen und da guckt der immer Eurosport. Is ihm natürlich wahnsinnig peinlich. Wenn die Weltöffentlichkeit dis erfährt, will er garnicht dran denken. Der guckt sogar Eisschnellaufen. Von mir aus kann er dis auch ja auch ruhig tun, aber dann soll er gefälligst nich immer so jammern.

Illustration von Sibylle Hein

Wie hat meine Mutter zu mir früher immer gesagt: »Wer Fernsehen kann, kann auch arbeiten gehn.« Hab ich ihr natürlich auch immer ’n Vogel gezeigt, wenn sie draußen war, aus’m Zimmer. Aber ich mußte ja damals auch noch richtig hart arbeiten in einem Betrieb. Oh Mann, mußte ich hart arbeiten. Gott dagegen sitzt ja bloß so an seinem Schreibtisch rum und dis nennt der dann Arbeit. Na, nichtsdestotrotz werd ich dem die Möhrchensuppe jetzt kochen, mit schön viel Knoblauch natürlich und Ingwer, dis is gesund und schmeckt ihm nich. Da könnt ich jetzt schon wieder volle Kanne drüber lachen, wenn ich mir dem sein Gesicht so vorstelle. Aber muß ja nicht sein, man muß ja nicht immer gleich lachen. Man kann ja auch mal ruhig mit einem gewissen Ernst an die Sache herangehen. Wie mein Vater zum Beispiel immer. Der heißt sogar so.

Copyright: Ahne

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:06
erstellt von jero

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