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Hinark Husen: Sprechdurchfall

Wenn man wie ich tagtäglich zwei völlig unterschiedlichen Tätigkeiten nachgeht, kann man mitunter schon mal etwas durcheinander bringen. Während ich mich sechs Stunden damit abmühe, Neuköllner Kinder positiv zu beeinflussen, bin ich im Anschluß daran dazu gezwungen, unabänderliche Wetteraussichten für die Telefonauskunft auf ein Band zu sprechen. Beiden Jobs gemeinsam ist die Tatsache, daß ich mit zirka 250 Vokabeln pro Schicht auskomme, 250 grundverschiedene Volkabeln, sicher, dennoch, sprachlich gesehen, beides sehr redundante Tätigkeiten. Ausnahmen bestätigen die Regel: Wenn zum Beispiel in der Kita ein neunmalkluges Schulkind mal wieder der Laune frönt, meinen Papagei zu spielen, benutze ich gerne gymnasiales Oberstufen-Restwissen und formuliere Sätze wie: »Im endoplasmatischen Retikulum befindet sich keine Desoxyribonukleinsäure.« Da kommt so ein Nachplapperer dann schon mal in Schleudern. Bis jetzt hat das noch keiner auf Anhieb fehlerfrei hinbekommen.

Manchmal geht es mir beim Wetterdienst allerdings ganz ähnlich wie den Kids. Wenn ich Wörter wie Warmluftadvektion, Kaltlufttropfen oder Okklusion vorlese, habe auch ich nur einen leisen Schimmer, was damit gemeint sein könnte. Immerhin kann ich’s trotzdem einigermaßen aussprechen. Völligen Blödsinn fehlerfrei zu artikulieren reicht für manche Jobs als Qualifikation durchaus aus.

Es gibt Situationen, wo man froh sein kann, wenn man was mal nicht versteht, abgesehen von meinen Wetterberichten. Mir, zum Beispiel, sind ausländische Psychotiker in der U-Bahn die liebsten. Neulich hat einer in der U7 unentwegt auf spanisch vor sich hingebrabbelt. Das war direkt angenehm, nichts zu verstehen, und auch die anderen Fahrgäste waren sichtlich milde gestimmt. Sie haben ihm alle ganz freundlich zugenickt. Bei einem deutschen Irren wäre die Stimmung im Waggon bestimmt nicht so, na sagen wir: urlaubsmäßig gewesen.

Die älteren Dame ihm gegenüber hatte die Augen geschlossen und sanft gelächelt, sie befand sich wohl gerade im Geiste mal wieder mit ihrem verblichenen Gatten auf Mallorca-Urlaub. Danach hat sie dem Mann sogar ungefragt etwas Kleingeld zugesteckt. Weiß auch nicht, warum so viele Leute glauben, U-Bahn-Psychotiker seien mittellos. Ob die betuchteren unter ihnen ausschließlich Taxi-Fahrer zuquatschen?

Vor ein paar Tagen hat mich ein etwas verwirrter junger Mann kurz nach meinem meteorologischen Feierabend um eine Zigarette angeschnorrt. Dann wollte der mir unbedingt eine Unterhaltung an die Backe binden und ließ sich über das miserable Wetter aus. Da war er an der richtigen Adresse. Ich hab ihn auf dem Weg zur U-Bahn zugetextet mit den aktuellsten Kaltluftrinnen, den instabilen Warmluftadvektionen und einer drohenden Okklusion. Jeder Normalo wäre nach dreißig Sekunden geflüchtet, er aber hörte mir intensiv zu und begann dann seinerseits einen Vortrag über seine speckige Daunenjacke, und daß er zum Abendessen eingeladen sei. Bis zum Leopoldplatz bin ich den nicht losgeworden.

Oft genug ist es ohne Worte am schönsten, wie mir kürzlich ein dreijähriger Türke und eine gleichaltrige Jugoslawin in der Kita bewiesen. Sie spielten Krieg auf dem Klo, und zwar in Form eines Fechtduells. Beide hatten lange Holzbauklötze in der einen Hand und wirbelten damit recht grobmotorisch herum, mit der anderen hielten sie sich einen Gesichtsschutz vor die Nase. Dazu hatten sie die Schmutzgitter aus den Pissoirs heraus genommen. Ich verzog die Nase und stieß irgendetwas in Richtung »I pfui!« oder so aus. Beide lächelten mich mit diebischer Freude an, ganz als wollten sie sagen: »Krieg, mein lieber Hinark, ist immer dreckig, soviel haben wir bereits gelernt.« Was wäre dem noch hinzuzufügen.

Copyright: Hinark Husen

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:06
erstellt von jero

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