Spider: Rudolf, die Ich-AG
Das ist Rudolf - Rudi, wie ihn seine Freunde nennen, und Rudi hat viele Freunde. Rudi verdient sein Geld als eine Ich-AG. Das ist nichts ungewöhnliches heutzutage. Ungewöhnlich ist die Art der Dienstleistung, die von ihm angeboten wird. Rudis Arbeitsplätze sind Bars, Kneipen und Diskotheken. Wenn er arbeitet, wird dies kaum wahrgenommen und das soll es ja auch nicht. Rudi ist Charmeur.
»Ich halte Türen auf, gebe Feuer, mache Komplimente und so weiter. Ich bin der, der immer Papiertaschentücher einstecken hat. Sie sind übrigens der erste, der sich für meine Arbeit interessiert, das finde ich toll.« Rudolf, der sympathische Enddreißiger, plaudert darüber, wie er zu seiner Ich-AG gekommen ist. »Am Anfang haben natürlich alle abgewunken, ich meine jetzt die Gastwirte. Es sind ja die Gastwirte, die mich bezahlen. Dann habe ich einfach vierzehn Tage umsonst gearbeitet. Von geliehenem Geld gelebt. Ich saß jeden Tag im selben Café und machte den anderen Gästen Komplimente. Dem Personal auch. Ich lobte das Essen, schmeichelte der Bedienung, sowas eben. Alles natürlich sehr dezent. Sowas muß sehr dezent gemacht werden. Die Gäste fühlten sich wohl in dem Café und wußten nicht mal so genau warum. Das Personal war gut gelaunt. Der Laden war ungeheuer beliebt.
Dann bin ich nicht mehr hingegangen. Einen Monat lang nicht. Danach war der Laden kaum wieder zu erkennen. Das Geschäft lief total schlecht, der Wirt war verzweifelt. Als ich dann mit ihm geredet habe, wollte er mir immer noch nicht richtig trauen, aber er ließ es auf einen Versuch ankommen. Nach zwei Wochen war das Café wieder voll. Das hat ihn dann überzeugt.«
Seit dem wird Rudi von Wirten bezahlt und von Kneipe zu Kneipe weitergereicht. Davon kann er leben.
Berlin hat eigentlich zu viele Kneipen, zu ähnlich sind sie sich und zu teuer. Das Schlachtfeld Gastronomie. Schlecht gelaunte Wirte, Servicekräfte, die ihre Arbeit nur notgedrungen machen. Unzufriedene Gäste, die nicht ausgehen, um ihre alltäglichen Sorgen zu vergessen, sondern um genau über diese zu reden. Zudem ist Berlin nicht gerade die Gebärmutter der Freundlichkeit. Wäre alles anders, Typen wie Rudi wären überflüssig. Oder anders ausgedrückt, sie wären keine Ausnahme.
Wie ist das, wenn man dauernd Komplimente macht? Hat Rudi eigentlich überdurchschnittlichen Erfolg bei Frauen? Er winkt ab: »Charme, darauf legen Frauen heute keinen Wert. Sie genießen das, unbewußt, aber Wert ist es eben nichts. Außerdem bin ich in festen Händen. Wir haben zwei Kinder und eine Katze. Meine Frau ist auch eine Ich-AG. Sie steht im Supermarkt immer als letzte in der Schlange. Mit einem riesigen Berg Sachen im Einkaufswagen. Sie wird von dem Supermarkt dafür bezahlt, ständig Leute vorzulassen. Dann haben die immer gute Laune an der Kasse. Kundenbindung. Naja, wir kommen über die Runden. Unsere Kinder haben gerade einen Ferienjob beim ADAC. Sie bleiben an jeder roten Ampel stehen, egal ob ein Auto kommt, oder nicht. Aber ich langweile Sie doch sicher. Ein hervorragender Autor wie sie hat doch bestimmt besseres zu tun, als sich mit den Profanitäten meines Lebens zu beschäftigen.«
Natürlich sagt er das nur, weil er jetzt Feierabend hat. Ich mag es trotzdem. Alter Charmeur, der Rudi.