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Tube: Freude, Neugier, Frustration

Die meisten wissen nicht, daß man die Haustür in der Rheinsberger Straße 27 auch mit einem kräftigen Fußtritt öffnen kann. Ich selbst habe es nur durch Zufall herausgefunden, als ich eines Abends besoffen nach Hause kam, schlechte Laune hatte und alles zusammenschlagen wollte, was sich mir in den Weg stellte. Und diese Tür stellte sich mir in den Weg! Sie nötigte mich, zwischen Münzen und zerschnaubten Taschentüchern nach ihrem Schlüssel zu suchen. Da trat ich wütend gegen sie und war von dem Ergebnis so überrascht, daß ich wie angeklebt stehen blieb und zusah, wie die Tür langsam zurück ins Schloss fiel. Mit dem Schlüssel, den ich kurz darauf fand, schloß ich sie wieder auf und gelangte wie gewohnt ins Treppenhaus.

Werbeposteinschmeißer wissen das nicht. Sie klingeln! Sie klingeln bei mir, beim Nachbarn, beim anderen Nachbarn, sie drücken die Klingelknöpfe systematisch von unten nach oben und von oben nach unten der Reihe nach durch, bis sich jemand bequemt, den Surrer zu betätigen. Es gibt keine Gegensprechanlage. Wenn es bei mir klingelt, durchlebe ich in kurzer Zeit drei emotionale Phasen: Freude, Neugier, Frustration. Die Freude stellt sich unmittelbar, nach dem Erklingen der Glocken ein. Oho! Hurra! Es hat geklingelt! Es gibt Besuch! Ich öffne die Wohnungstür, sehe, daß niemand davor steht, betätige daraufhin den Knopf, damit der Surrer an der Haustür surrt. Es folgt die Phase der Neugier: Wer könnte das sein? Jetzt bin ich aber gespannt! Ich lausche ins Treppenhaus, um vielleicht an den Geräuschen zu erkennen, wer das sei. Ich höre Schritte, dann höre ich die Blechklappen der Briefkästen und das Rascheln des Papiers, das in sie hineingeworfen wird. Nun kommt die Phase der Frustration, in der ich die Wohnungstür zuknalle und enttäuscht zurück ins Zimmer schlurfe. Keiner besucht mich, keiner liebt mich. Alle wollen sie nur mein Geld! So traurig ist die Welt: Es gibt Menschen, die arbeiten, und deren Arbeit besteht darin, bunt bedrucktes Papier zu mir zu tragen und in meinen Briefkasten zu schmeißen, damit ich das Papier später aus dem Briefkasten hole und es in die Mülltonne werfe.

So ungerecht ist die Welt: Die Menschen, die das bunt bedruckte Papier zu mir tragen und in meinen Briefkasten schmeißen, bekommen Geld dafür, während ich keinen einzigen Cent dafür kriege, daß ich das bunt bedruckte Papier aus meinem Briefkasten heraushole und in die Mülltonne werfe. Und so verrückt ist die Welt: Die Menschen, die das bunt bedruckte Papier zu mir tragen und in meinen Briefkasten schmeißen, könnten es auch sofort in die Mülltonne tun und würden genauso viel dafür Geld bekommen, obwohl sie weniger gearbeitet hätten. Im Ergebnis heißt das: Werbeposteinschmeißer sind verrückt.

Einmal, als ich noch nicht wußte, daß Werbeposteinschmeißer verrückt sind, hatte ich mir vorgenommen einen von ihnen verrückt zu machen. Ich sah zufällig aus dem Fenster, sah ihn kommen und dachte mir: Wenn du bei mir klingelst, mache ich dich verrückt. Einen Moment später klingelte er bei mir und bei allen anderen im Haus. Die anderen alle waren nicht da, niemand öffnete ihm, so kam ich zum Zuge und betätigte den Knopf, der den Surrer unten surren läßt - allerdings nur ganz kurz, ganz, ganz kurz, vielleicht eine halbe Sekunde lang; lang genug, damit es zu hören ist, kurz genug, damit der Werbeposteinschmeißer es nicht schafft, die Tür aufzudrücken. Er klingelte gleich noch einmal, aber diesmal ließ ich mir Zeit. Ich schmierte mir in aller Ruhe ein Butterbrot, streute Salz drauf, nahm einen Happen zu mir und geduldete mich, bis der Werbeposteinschmeißer erneut klingelte. Jetzt war der Augenblick gekommen, den Surrer wieder für den Bruchteil einer Sekunde in Gang zu setzen: Ssst. Und wieder hatte es der Werbeposteinschmeißer nicht geschafft. Ich rieb mir die Hände und führte das Spielchen so lange fort, bis der Werbeposteinschmeißer herausfand, daß man die Tür auch mit einem kräftigen Fußtritt öffnen kann.

Meine emotionalen Zustände hierbei waren Vorfreude, als ich am Fenster den Werbeposteinschmeißer sah, Schadenfreude, als ich ihn durch kürzestes Surren verarschte, Resignation, als mir klar wurde, daß der Idiot dennoch seinen Weg ins Haus gefunden hatte. Schade! So sind sie. Sie machen sich Arbeit um jeden Preis.

Und daß man die Tür in der Rheinsberger Straße 27 mit einem kräftigen Fußtritt aufkriegt, das bleibt aber uns, ist doch klar, oder?

Illustration von Sibylle Hein

Copyright: Tube

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:06
erstellt von jero

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