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Konrad Endler: Der Überbringer der Enten

Die Schlange beim Aldi, in der ich stand, war so lang, daß man Vordrängler daran erkennen konnte, daß ihr Alter noch nicht so weit fortgeschritten war, wie das der »Regulären«, wie wir ehrfurchtsvoll diejenigen nannten, die es schon fast bis zur Kasse geschafft hatten.

Einige von uns bezweifelten zwar überhaupt die Existenz solcher Regulären, weil man diese selbst mit den besten Teleskopen nicht ausmachen konnte, aber viele gaben die Hoffnung nicht so schnell auf.

Auch ich, der ich den Markt zum Kauf zweier ungarischer Grillenten Kaliber 2000 Gramm betreten hatte, rechnete mir Chancen aus, noch vor meinem Dahinscheiden diese auch bezahlen zu können.

Im Laufe der Jahre, während denen wir anstanden, gingen draußen in der Welt die Menschen zur Arbeit, kamen nach Hause, zeugten und gebaren Kinder.

Und diese Kinder wiederum lernten laufen und sprechen, kamen in die Schule, wurden älter, begannen zu rauchen und zu fixen, kopulierten neben Tischtennisplatten, prügelten sich mit Ordnungshütern, heirateten, bekamen Kinder, starben.

 

Als ich endlich auch ein Regulärer wurde, war ich rüstige siebzig Jahre alt und draußen herrschte ein Krieg, der begonnen worden war, weil sich verschiedene Regierungen die Schuld daran gegeben hatten, daß es auf der Erde keine fossilen Brennstoffe mehr gab.

Mit fünfundsiebzig schließlich bezahlte ich die beiden ebenfalls schon betagten Entenkadaver an der Kasse und verließ den Aldi-Markt in Richtung meiner Wohnung, für deren Miete und Erhaltung, wie ich hoffte, der gütige Staat aufgekommen war.

 

Zu Hause angekommen, schaute ich mich um. Meine Wohnung machte einen ordentlichen Eindruck. Alles war frisch gereinigt. Am Tisch im Wohnzimmer saßen einige ältere Damen und Herren, die mir auf den ersten Blick unbekannt erschienen. Einer von ihnen sagte: »Ah, die Enten sind endlich da!«

Ich schlug mir gegen die Stirn. Das waren ja die Gäste, die ich vor vierundvierzig Jahren zum Essen eingeladen hatte! Ich setzte mich hinzu, um zu erfahren, was in der Zwischenzeit geschehen war. Ein bißchen verärgerte mich, wie ich zugeben muß, daß sie nach dieser langen Zeit zuerst die Enten, und nicht mich begrüßt hatten.

Wie sich herausstellte, benutzten sie mittlerweile meinen Namen nicht mehr. Während der ersten zehn Jahre hatten sie manchmal darüber gesprochen, wo ich denn mit den Enten bliebe, dann aber, langsam, verflüchtigte sich mein Name, und ganz selten, bemerkte einer wie im Scherz, daß »Der Überbringer der Enten« wohl an diesem oder jenem Tag kommen würde.

So war ich in ihrem Denken »Der Überbringer der Enten« geworden.

 

»Na, dann werde ich mal den Backofen anschmeißen«, sagte ich. Eine der Damen rümpfte die Nase. Sie hatte schwere Falten auf der Stirn.

»Aber«, bemerkte sie, »Aber, du hast vergessen, Wein mitzubringen.«

Ich erstarrte. Dann antwortete ich: »Oh, dann muß ich wohl noch mal los.« Und als ich aufgestanden war und mir die Jacke übergeworfen hatte, setzte ich hinzu: »Ihr könnt ja schon mal ohne mich anfangen.«

Copyright: Konrad Endler

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:06
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