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Uli Hannemann: Der Tod ist ein Bademeister aus Deutschland

»Nicht von den Längsseiten rein springen!«

Die Kinder kreischten und quiekten schrill wie eine Horde Ferkel, denen bei lebendigem Leib die Borsten abgesengt wurden. Niemand beachtete den Mann auf Turm I im Columbia-Bad und schnell ahnte man, nicht zuletzt unter dem Eindruck der Pisa-Studie, daß ein kompliziertes Wort wie »Längsseiten« kaum auf fruchtbaren Boden fallen konnte - schlicht und einfach, weil es keiner verstand.

Der Bademeister ließ sich nicht beirren - der Platz auf dem Wachturm war Familientradition. Seinem Großvater hatte man immerhin noch einen Karabiner dorthin mitgegeben. Den hätte er sich heute auch gewünscht - wieviel leichter wäre damit Ordnung zu schaffen! Er selber besaß leider nur ein Megaphon. Kurz schien der Bademeister in sich zusammen zu sacken, dann straffte sich seine Gestalt und er holte tief Luft:

»Runter da von den Seilen!

Haltet doch mal lieber eure Schnauze als das Seil!

Das ist jetzt die letzte Aufforderung!

Wir gucken uns das noch ne Weile an und dann machen wir die Rutsche zu!

Alles was älter als sechs Jahre ist, raus aus dem Kinderplanschbecken, sonst könnt ihr gleich nach Hause gehen!

Ende der Durchsage!

Der nächste, der von der Seite rein springt, geht sofort nach Hause!

Ich sag das nicht zweimal!

Arschgeigen!

Ihr zwei da am Sprungturm, laßt sofort das Drängeln!

Du da, ja, du, mit der blauen Badehose!

Das ist jetzt die letzte Aufforderung!

Ihr habt sie wohl nicht mehr alle!

Laßt mal das Mädchen in Ruhe!

Laßt das Seil los - bitte!«

Jäh erstarb das Lärmen der Ferkel und von einer Sekunde auf die andere herrschte Totenstille. Man hätte das Fallen einer Stecknadel vernehmen können, wenn das im Barfußbereich erlaubt gewesen wäre. Natürlich war der Bademeister selbst am meisten erschrocken: Er hatte »bitte« gesagt und alle hatten es gehört! Wenn das rauskäme, wäre er beruflich und gesellschaftlich total erledigt! Überall, auf der ganzen Welt, würden die Bademeister mit den Fingern auf ihn zeigen, tuscheln und lachen: »Da kommt der Höfliche«, würden sie hinter vorgehaltener Hand spotten, »der hat bitte gesagt - die Sau. Ende der Durchsage!«

Der Bademeister erschauerte unter seinem weißen Hemdchen. Eine feine Gänsehaut überzog seine tätowierten Muskeln, Sturzbäche von Angstschweiß sammelten sich am anabolikageschrumpften Genital, tropften aus der zu weiten Turnhose und bildeten am Boden des Wachturms kleine Pfützen: Auf keinen Fall durfte das passieren! Diese Schmach konnte nur mit Blut abgewaschen werden! Mit der linken Hand faßte er nach dem Talisman, Opas letzter Patrone, die an einer silbernen Kette auf seiner Brust baumelte. Mit der Rechten aber ergriff er das Megaphon und brüllte hinein:

»So jetzt letzte Aufforderung: Ihr wolltet es ja nicht anders! Das Schwimmbad wird geräumt! In zehn Minuten sind alle draußen! Schade für diejenigen, die nichts gemacht haben, aber ihr könnt euch ja bei den Arschgeigen bedanken - Ende der Durchsage!«

Die wenigen, die ihn verstanden hatten, lachten. Die anderen nahmen ihre gewohnten Beschäftigungen wieder auf - Krachmachen, auf dem Seil schaukeln und von der Längsseite Reinspringen - während der Bademeister in seinem Turm verschwand, um zu telefonieren.

Zehn Minuten später lachte keiner mehr: Zahlreiche Wannen fuhren vor dem Eingang auf und zwei Einsatzhundertschaften sprangen in voller Kampfmontur heraus. Sie hatten sich extra beeilt, um von der nahen Friesenwache herüber zu kommen: Wenn »einer von ihnen« in Gefahr war - und sie spürten instinktiv, daß es sich beim Bademeister um einen »von ihnen« handelte - kamen sie immer schnell. Darüber hinaus lockte die Aussicht, den Knüppel klatschend auf dem Rücken braungebrannter Bikini-Mädchen tanzen zu lassen. Vielleicht würde am Ende sogar so etwas wie Liebe daraus werden? Es gab ja sonst so wenige Gelegenheiten, jemanden kennen zu lernen - von der gemeinsamen Weihnachtsfeier der Züge 11 bis 17 einmal abgesehen.

Innerhalb weniger Minuten trieben die Einsatzkräfte viertausend Badegäste zusammen und durch das Haupttor hinaus auf die Straße. Die Klamotten blieben zurück und jeder konnte sehen, wie er in Badesachen und ohne Geld nach Hause kam. Erleichtert biß der Bademeister in sein Pausenbrot.

Copyright: Uli Hannemann

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:06
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