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Jürgen Witte: Kurze Romane in langen Sätzen Nr.23

Wäre die Situation, als es nach immerhin zwei restlos geleerten Rotweinflaschen auf Mitternacht zuging wirklich entspannter gewesen, wie Bernd es insgeheim erhofft hatte, hätte Ulla wenigstens hin und wieder mal gelächelt, beim Nachschenken des Weins, zum Beispiel, und hätte sie sich nicht immer wieder sofort darauf mit einem gelbgrau gestreiften Kissen im Arm auf den von seinem Platz auf dem Sofa am entferntesten stehenden Sessel zurückgezogen, hätte sie sich von ihm auch nur etwas mitreißen lassen, beim Schwelgen in gemeinsamen alten Erinnerungen, schließlich wischt man viereinhalb Jahre gemeinsames Leben nicht so einfach weg, wie verstreute Brotkrümel vom Küchtentisch, wäre also Ulla nicht so reserviert, so zugeknöpft, so, ja sagen wir es ruhig, so abweisend und irgendwie fremd gewesen, da in dieser nette kleinen Wohnung, die sie sich ganz gemütlich, aber auch ein bißchen sehr plüschig ausgestattet hatte - daß sie dort alleine lebt, stand für Bernd bald außer Frage, wenn da ein neuer Mann in ihrem Leben eine Rolle spielen sollte, hier in dieser Wohnung zumindest hatte der noch keinen sichtbaren Eindruck hinterlassen, keine herumliegenden Herrenhausschuhe im Flur, kein Männermantel an der Garderobe, keine vollen Bierflaschen im - oder leere Bierflaschen neben dem Kühlschrank, und auch im Badezimmer hatte Bernd zu seiner Erleichterung vergebens nach einem zweiten Aufsatz für die elektrische Zahnbürste oder einem versteckt verstauten Rasierzeug Ausschau gehalten - er hatte also guten Grund zur Annahme, daß seine Verflossene, daß die Ulla, die er, einer spontanen Eingebung folgend mit seinem ersten Besuch nach etlichen Jahren der Trennung überrascht hatte, daß diese ihre im Grunde doch dröge Sachbearbeiterexistenz bei der BARMER derzeit solo fristet - wäre also Ulla lockerer gewesen und er, der er die beiden Weinflaschen, wenn man es genau nimmt, quasi alleine geleert hatte, nicht so besoffen, er hätte sie bestimmt nicht darum angebettelt, die Nacht auf ihrem Sofa verbringen zu dürfen.

Wirklich überrascht war Bernd von ihrem kategorischen Nein bezüglich dieses Ansinnens nun nicht gerade, aber daß sie sich auch jeder Verhandlung darüber durchaus lautstark widersetzte, zu keinem Kompromiß, zum Beispiel einem kargen Lager mit dem Schlafsack auf ihrem Küchenboden einzuwilligen sich bereit zeigte, wie sehr er sich auch flehend bemühte, ihr steinernens Herz zu erweichen, das kränkte ihn, der, wie er mehrfach betonte, durchaus mit dem Willen hergekommen sei, endlich einen dauerhaften Frieden zu schließen, doch außerordentlich.

Später bemäntelte Bernd diese seine Niederlage gerne mit dem Argument, daß es wohl besser gelaufen wäre, hätte er Ulla an jenem Abend einfach geradeheraus gesagt, daß er sie einfach nur gerne mal wieder habe ficken wollen.

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:06
erstellt von jero

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