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Frank Sorge: Fleischerparabel

Ein kleines Lamm steht unschlüssig und verschüchtert auf einer Weide. Es hat auch allen Grund, leicht nervös zu sein, denn es steht auf der Weide eines fleischverarbeitenden Betriebes.

Noch scheint seine Zeit nicht gekommen. Bis dahin können wir uns ein wenig mit dem Lamm anfreunden und es z.B. Dieter nennen. Dieter litt unter starken Verdauungsstörungen, weil es heute noch Einmal besonders viel gutes Futter gegeben hatte. Aus Dieters Richtung konnte man immer wieder ein leises Mähen hören, er verfolgte damit die Absicht, seinen Aufenthaltsort potentiellen Freunden mitzuteilen. Viele Freunde hatte Dieter nicht und es war ihm bisher auch nicht gelungen, längerfristige Beziehungen einzugehen.

Warum er nicht mal einen netten Menschen kennenlernte, fragte sich Dieter. Immerhin sorgten sie für ihn wie eine Mutter. Bei der Fütterung drängte er sich weit nach vorne, schaute freundlich in die Augen des Versorgers und dankte recht herzlich für das gnädige Geschenk seiner großen Hände.

Sicher, ab und zu hatte eine dieser Hände über seinen Kopf gestreichelt und den Hals befühlt. Zu seinem Geburtstag hatte er einen neuen Ohrring bekommen, aber Freundschaften ergaben sich daraus nicht.

Und die anderen Lämmer waren sehr verschlossen und im wesentlichen damit beschäftigt, gut auszusehen.

»Unsere einzige Chance!«, knuffte ihm Emma in die Seite, fast freundschaftlich, »die Hübschen kommen manchmal in die Zucht!«

Hatte sie ihm wirklich zugezwinkert? Sein Herz machte einen Sprung.

Ja, wenn die Wolle am Kopf weicher gewesen wäre, damals, als die Hand ihn gestreichelt hatte, wäre der Mensch vielleicht auf ihn aufmerksam geworden.

Er probierte, seinen Kopf am Drahtzaun zu kämmen, blieb aber erfolglos. Eine Idee keimte in Dieter, eine evolutionäre Idee. Er suchte Emma und begann ungefragt Emmas schwer zu errreichende Fellflächen zu säubern. Man konnte fast sagen, er frisierte sie. Emma verstand sofort und revanchierte sich ihrerseits mit gründlicher Fellpflege. Sie entschied sich bei ihm für einen Igel, geschickt speichelte sie Wollspitzen in die Höhe und stufte mit ihren scharfen Zähnen die Wolle nach hinten noch etwas ab. Dieter riet ihr zu Korkenzieherlocken, sie stimmte zu und so zog er mit der Zunge ihre dicken Büschel zu runden Locken.

 

Jetzt ist ihre Zeit gekommen, dachte Herr Meierhoff, Fleischermeister im Betrieb und stieg aus seinem Auto, direkt dahinter stand ein Lamm unschlüssig und verschüchtert auf der Weide. Meierhoff konnte leises Mähen aus der Richtung hören.

»Ich bin ja da!«, rief er über den Zaun und grüßte mit einer nachlässigen Geste. Die große Schürze war frisch sterilisiert, die Handschuhe dufteten nach Latex und er nahm ein neues Stahlbolzenmagazin aus einer versiegelten Pappschachtel.

Der Humor im Schlachtbetrieb ist, ähnlich wie unter Friedhofspersonal, recht derb und für das Normalgemüt kaum nachvollziehbar. Da jedes Vieh in diesem Betrieb einen Namen hatte, es war ein ökologischer Betrieb, kam es natürlich immer mal vor, daß man zum Beispiel eine Kuh mit dem Namen der eigenen Ehefrau hinrichtete. An besonders einfallsreichen Tagen hing dann ein Geselle der Kuh auch schon mal einen Ehering an einer Schnur um den Hals.

Meierhoffs Kollegen wußten natürlich von seinen zwei Kindern, Dieter, oder liebevoll Didi (11 Jahre) und seinem neunjährigen Prinzeßchen Emma mit den schönen, blonden Locken. Zwei Lämmer. Der Lammbock sogar mit einer Igelfrisur, wie sie seine Frau ihrem Sohn Didi morgens immer kämmte. Alle Achtung!

Beim Mittagessen verlas der Geselle Neues aus dem Wissenschaftsteil der Zeitung: »Die Evolution verläuft eher in Schüben als in langen Prozessen!«

Meierhoff konterte, jetzt wisse er ja, warum der Geselle schon so alt und immer noch nicht Meister sei, und dann bedankte er sich für den guten Witz vorhin an der Schlachtbank.

Copyright: Frank Sorge

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:06
erstellt von jero

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