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Paul Bokowski: Lüderitzkinder

Da gibt es im Querhaus diese türkische Familie. Die sitzen nach Einbruch der Dunkelheit immer so gemütlich beieinander, dass man wirklich glauben könnte, Gott hatte dieser Familie alles gegeben, was für ein einfaches und glückliches Leben notwendig ist. Also abgesehen von Vokalen im Nachnamen oder einer dauerhaften Aufenthaltsgenehmigung. Kinder aber haben die. Unmengen davon. Die kriegen so häufig ein neues Baby wie ich Besuch vom Gasableser. Das muss doch etwas mit Langeweile zu tun haben. Unser Hauswart hat immer gesagt: Wenn schon die Eltern nicht wissen, was sie tun sollen mit ihren freien Nachmittagen, kann man von ihren Kindern ja auch kaum etwas anderes erwarten. Dann wollte er sie eines Morgens alle mit dem Güterzug nach Osten schicken und war damit die längste Zeit unser Hauswart gewesen.

Aber zurück zur Langeweile. Manchmal, wenn ich am späten Nachmittag aufwachte und meinen ersten Blick aus dem Fenster in den Innenhof tat, erschrak ich und dachte, es hätte über Nacht ein spontanes Massensterben eingesetzt. Dabei lagen die Kinder nur in der Gegend herum und langweilten sich fürchterlich. Das war aber auch wirklich nachvollziehbar, wenn man in einer winzigen, betonierten Welt lebt, die zwischen Seitenflügel, Quergebäude und Gartenhaus Platz findet.

Dort fing ja auch alles an. Wenn die Kleinen noch Käseschmiere hinter den Ohren und Fruchtwasser zwischen den Zehen hatten, stand die halbe Soldiner Straße bei uns im Hinterhof und wollte einen Blick auf das frischgebackene Neugeborene werfen, aber kaum waren die Kleinen alt genug um sitzen zu können, da verlor man das Interesse, hockte sie auf eine der Betonplatten und schaute ein paar Tage später, was wohl aus ihnen geworden sein mochte. Das ist gar nicht so ungewöhnlich. Als meine Eltern nach Deutschland gekommen sind und im Lager gewohnt haben, haben die das auch so gemacht.

Während nun, wie bereits erwähnt, Langeweile damals das beherrschende Problem der Population in meinem Hinterhof darstellte, gähnende Langeweile, wurde die Kompensation der selbigen die einzige tagesfüllende Tätigkeit. Wenn ich fortan aus meinem Hinterhaushochstand hinunter spähte, dann war es, als sähe ich eine türkische Adaption der Kleinen Strolche. Es wurden Briefkästen angezündet, Mülltonnen umgeschmissen, Einkaufswagen die Kellertreppe hinunter gestoßen und es wurden Fensterscheiben eingeschmissen, gerne auch mal die eigenen. Besonders interessant waren die aus Langeweile entstandenen Wandbemalungen. Während mein kindliches Wachstum mit Strichen und Größenangaben an unserer Wohnzimmerwand verewigt wurde, lassen sich die Wachstumsfortschritte unserer Hinterhofkinder an den Wänden in unserem Treppenhaus verfolgen. In Bodennähe schmücken noch bunte und unförmige Kritzeleien den rauen Putz, wenige Zentimeter darüber, etwa in Kniehöhe, sind aus den Kritzeleien konkrete Objekte geworden: Blumen, Häuser, Menschen. In Hüfthöhe wird das Farbspektrum abrupt reduziert und die Objekte wandeln sich zu ersten Buchstabengruppen, die Vornamen wie »Hassan« oder Lieblingswörter wie »Scheise« (mit einem s) vermuten lassen. In Brusthöhe schließlich erscheinen dann die ersten vollständigen Satzkonstruktionen. Zum Beispiel: »Ich ficke Düriye«, bis Sätze wie dieser in Schulterhöhe durch interkulturelle Experimentalgrammatik auf einen Höhepunkt getrieben werden: »Aysche, du tust von uns gefickt werden«. Es bleibt dem Leser überlassen, zu entscheiden, ob es sich hierbei um den fehlerhaften Gebrauch des Futur 1, oder um sozial-literarischen Widerstand gegen das vorherrschende Establishment handelt.

Nun ist die selbst geschaffene Literatur unter Umständen ein sehr kurzweiliges Vergnügen, also üben sich die Kinder regelmäßig in neuen, teilweise überaus kreativen, Ausdrucksformen ihres alltäglichen Kampfes gegen die Langeweile. Vor drei Wochen zum Beispiel haben die Kleinen mit vereinten Kräften in einem 60-Sekunden-Akt alle Bewohner des Seitenflügels von ihrem Kabelanschluss befreit. Leider habe ich nicht genau verstehen können, was »hau ruck« auf Türkisch heißt. Schlussendlich aber war dieser äußerst belustigende Akt des Vandalismus ein Schnitt ins eigene Fleisch, weil er auch den eigenen Vater seiner geliebten Feierabendunterhaltung beraubte. Seit diesem folgenschweren Ereignis hat die anhaltende Langeweile der Kinder ein jähes Ende gefunden. Sie werden nun jeden Morgen in drei Gruppen unterteilt:

Gruppe eins besteigt nach dem Frühstück den grünen Lieferwagen des Vaters und wird im Laufe des Tages in den verstreutesten Winkeln Berlins Haushalte auflösen, Keller entrümpeln und die Hinterhöfe der Stadt nach verwaisten Möbelstücken durchforsten.

Gruppe zwei bringt unterdessen die Ausbeute des Vortages auf Vordermann. Sie schraubt und bürstet, wischt, poliert und flutet den mit Teppichen ausgelegten Hof so lange mit Wasser, bis auch die letzten Flecken Katzenpisse im Erdreich versickert oder im Keller verlaufen sind.

Gruppe drei wird nach dem Aufstehen in die Schule geschickt und schaut jeden Morgen drein, als hätte sie das schwerste Los gezogen.

Damit jedes der Kinder auch mal die Freuden der anderen zu schmecken bekommt, hat sich der Vater ein gewinnmaximiertes Rotationssystem einfallen lassen. Mal schleppen, mal schuften, mal schreiben, jeden Tag eine neue Herausforderung. Seitdem herrscht, zumindest am Nachmittag, wieder Ruhe in unserem Hinterhof. Kein Geschrei, kein Gebrüll, kein Kindergarten-Kreuzberg-Feeling mehr. Wenn ich jetzt am frühen Abend aufwache, meinen ersten Blick aus dem Fenster tue und sehe, wie die Kinder in unserem Hof herumliegen, als hätten sie Malaria, dann ist das jetzt keine Langeweile mehr, sondern lieblich süße Feierabendmüdigkeit.

Copyright: Paul Bokowski

zuletzt verändert: 23.03.2007 02:18
erstellt von jero

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