Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Von den Strandkörben mal ganz abgesehen
(Bov Bjerg) Der Weltwirtschaftsgipfel in Heiligendamm war unbestritten der erfolgreichste Weltwirtschaftsgipfel, der je in diesem Teil von Mecklenburg-Vorpommern stattgefunden hat.
Auch die Polizei setzte Maßstäbe. Bei der Bekämpfung von G8-Gegnern verband sie eine nicht für möglich gehaltene philosophische Tiefe mit dem von der Pike auf gelernten kombinatorischen Einmaleins der erfahrenen Praktiker.
So zeigte die Polizei äußerst eindrucksvoll, wie die zahlreichen verwaisten Gewerbegebiete in Ostdeutschland sinnvoll genutzt werden können. Souverän und abgeklärt demonstrierte man die Dialektik von Rezession und Repression und richtete die Gefangenensammelstelle für die Gegner des Wirtschaftsgipfels kurzerhand im leerstehenden ›Sirius Business Park Rostock‹ ein.
Eine Razzia gegen G8-Terroristen in Berlin bewies dagegen, dass ein deutscher Polizist den Vergleich mit so großen Namen wie Sherlock Holmes oder Kalle Blomquist nicht zu scheuen braucht. Bei einem der Durchsuchten wurde eine selbstgebrannte DVD beschlagnahmt, die ein weniger geschultes Auge sicher übersehen hätte. Die DVD trug den handschriftlichen Vermerk: ›29.4.2007 - Tatort‹.
Man steckt nicht drin
(Andreas Scheffler) Am Potsdamer Platz besteigen ein Japaner und eine Japanerin, es mögen auch Chinesen, Koreaner oder Vietnamesen gewesen sein, das S-Bahn-Abteil und kichern. Genau genommen kichert nur sie; er schmunzelt tonlos. Man steckt ja nicht drin, aber ich frage mich, ob der Asiat, wenn er kichert, es ist ja doch ein anderer Kulturkreis und wohl auch eine andere Mentalität, wenn also der Asiat kichert, ob er dann auch irgendetwas lustig findet, oder ob das womöglich heißt, dass er über irgendetwas zu meckern hat. Man sagt doch: Der Japaner lächelt, aber zack! hat man ein Messer im Rücken. Ich weiß es nicht, aber ich glaube, die beiden waren ganz fröhlich. Trotzdem: Vorsicht ist geboten.
Sodoku 1
(Jürgen Witte) Berlin Charlottenburg, im Cafe, nur zwei Tische weiter sitzt ein prominenter Kleinkünster über das Sodoku einer Tageszeitung gebeugt. Das mittelschwere hat er schon gelöst, jetzt tüftelt er gerade an der schweren Variante.
»Guck mal unauffällig«, sage ich zu meinem Sohn, »bei dem Mann da drüben waren wir auch schon mal in der Vorstellung.«
Mein Sohn guckt rüber und nickt. Und dann flüstert er mir ins Ohr: »Der löst Sodokus mit Bleistift und Radiergummi. Was ist denn das für ein Weichei?« Ich glaube, zu dem gehen wir nicht mehr hin.
Sodoku 2
(Jürgen Witte) Warum veröffentlichen die Zeitungen am Folgetag die Lösungen des Rätsels vom Vortag? Wer braucht das? Gibt es was Dussligeres, als diese Quadrate mit ihren beinahe beliebig verstreuten neun mal neun Ziffern? Als ob die Lösung beim Sodoku irgendeine Bedeutung hätte! Tausende von Sodoku-Rätseln können doch die gleiche Lösung haben. Interessant beim Sodoku ist nur der Weg, der dich zur Lösung führt. Und wenn du einen Denkfehler dabei hattest, das merkst du dann schon. Kein Mensch guckt sich ein gelöstes Sodoku an. »Wenn die Quadrate alle voll sind, dann gibt es da nichts mehr zu sehen.« Das ist eine alte fernöstliche Weisheit.
Kartoffelchips
(Bov Bjerg) Bei Kaiser‘s gibt es Kartoffelchips, die heißen Pommel. Pommel scheint mir eine nicht so verkaufsträchtige Bezeichnung für Kartoffelchips. Die Mädchen denken an ihre Figur und die Buben lachen sich scheckig.
Eines dieser sog. Och-nee-Erlebnisse
(Bov Bjerg) Rosa Luxemburg hat einmal etwas Kluges über Aktien gesagt, jedenfalls bilde ich mir ein, mich an sowas zu erinnern. Ich weiß nicht mehr wann, ich weiß nicht mehr wo, ich weiß schon gar nicht mehr was, aber ich will es herausfinden, denn ich will auch etwas Kluges über Aktien sagen.
Am Ende weiß ich zumindest eines: Auf gar keinen Fall etwas Kluges erfährt man, indem man googelt nach ›Luxemburg‹ und ›Aktien‹.
Teenagergedanken
Das Gewimmer aus dem Zimmer
meiner Alten lässt mich erkalten
da wird mir schlecht - echt!
Ich würde nie nie nie
Kinder zeugen, die
mitanhören müssen
wie der Erzeuger und ich uns untenrum küssen
so ein Gewimmer immer
meine Mama mit meinem Papa
da wird mir schlecht - echt!
(Kirsten Fuchs)
Imagekampagne
(Jan Lipowski) Ein entgegenkommendes Polizeiauto gab kurz Lichthupe und verunsicherte mich sofort! Habe ich was falsch gemacht oder ist vielleicht etwas mit meinem Auto nicht in Ordnung? War es eine Warnung, ein Hinweis auf einen platten Reifen?? Ich fuhr zunächst konzentriert und überaus vorsichtig weiter und entdeckte alsbald zwei Polizisten mit aufgebauter Laserpistole am Straßenrand, an welchen ich vorbildlich vorbeirollte.
Also entweder sind die mit ihren Kollegen zerstritten oder hier läuft eine beispiellose Imagekampagne der sächsischen Polizei!
U-18-Witz
(Jürgen Witte) »Wie begrüßen sich Emos?« – »Mit offenen Armen!«
Dieser Witz spielt darauf an, dass gewisse junge Menschen, die Freunde des Weltschmerzes im pubertätsbedingten emotionalen Ausnahmezustand zur Selbstverstümmelung neigen. Die Elterngeneration hingegen neigt oftmals dazu, den pubertätsbedingten emotionalen Normalzustand vieler U-18Jähriger als bedenklich einzustufen.
Risikolebensversicherung
(Bov Bjerg) Telefonat mit der Lebensversicherung.
»Und ihr Beruf? – Ach, das ist ja ein schöner Beruf!«
»Ja, schon«, sage ich.
»Das ist dann auch eine niedrige Risikogruppe ... – oder machen Sie Witze über den Islam?«
Latent letales Werbefernsehen
(Andreas Scheffler) St. Martins Laternenumzug. Einige Bläser, viele Mütter und noch mehr kleine Kinder. Sabine reißt das Fenster auf und will mal gucken. Ganz, ganz viele kleine, niedliche Kinder. Die Hälfte davon weint. Ich wende mich ab von dem Grauen. Gerade will ich das Zimmer verlassen, da höre ich von der anderen Hälfte einen kollektiven Schrei: »FRUCHTALARM!« Nachdem Sabine mich wieder wachgetätschelt hat, sagt sie auf meine Erklärung, sie hätte nichts dergleichen mitbekommen.
Vom Sinn des Brauchtums
(Volker Surmann) Als ich kürzlich auf einer Wohnungseinweihung ein Glas Rotwein über einem cremeweißen Veloursteppich verschüttete, erschloss sich mir schlagartig, wieso man als Gastgeschenk zu derlei Anlässen neben dem Brot gleich auch Salz mitbringt.
Schlussmachen, leicht gemacht
(Kirsten Fuchs) Er kommt und du gibst ihm einen Zettel und sagst, dass er den mal vorlesen soll. Es steht drauf: ›Ich weiß, dass du heute mit mir Schluß machen willst und das ist okay. Ich nehme jetzt einfach meine CDs und gehe. Ich wünsche dir einen schönen Tag. Tschüss.‹
Dann schiebst du ihn aus der Wohnung und zündest dir ne Zigarette an.
Flaschenrückgabeautomat I
(Jürgen Witte) Wenn man einen biederen Mittelklassejüngling, der Samstag Nachmittags gute zehn Minuten lang den Flaschenrückgabeautomaten mit seinen gut gefüllten Tüten und Einkaufswagen blockiert, und der zwischen dem stetigen Nachschieben seines zusammengewürfelten Leerguts immer mit der ihn begleitenden Dame seines Herzens turtelt, wenn man diesen Menschen irgendwann darauf hinweist, dass er sich mal beeilen solle und dass man seinen sichtlichen Stolz darauf, dass er seine Bude endlich mal wieder aufgeräumt hat, jetzt nicht wirklich unumschränkt teilen kann, ja, dann kann man so einen biederen Mittelklassejüngling böse Sachen sagen hören. Denn mit den altglassammelnden Pennern will er keinesfalls in einen Topf geworfen werden.
Flaschenrückgabeautomat II
(Jürgen Witte/Horst Evers) Wenn man hingegen an solchem Automaten einen dieser altglassammelnden Berber sieht, der mit zittrigen Händen Flasche um Flasche einzuführen sucht, mal mit Erfolg, mal auch ohne das Ziel dabei zu treffen, und wenn man diesem dann, weil man echt keine Lust hat, am Ende der Warteschlange auszuharren, wenn man ihm also seine zwei Wasserflaschen zu treuen, wenn auch unsicher flatternden Händen überlässt, dann kann es schon passieren, dass der eine oder andere Biederbürger, der da schon länger wartend steht, ausfällig wird: »Was? Ausgerechnet dem schenken Sie Ihr Leergut? Dafür wird der jetzt auch noch belohnt?«
Kalendarisches Problem
(Volker Surmann) Wie viele Tagesdecken bilden eigentlich ein Wochenbett?
Metaphorischer Schnitzel-Wiener-Art-Salat
(Theo Fuchs) Mit der pilzköpfigen Einfalt einer regennassen Sanddüne sagte ich zu der Frau, die so schön war wie ein frisch geschlüpfter Segelflieger unter mitternächtlichen Polarlichtern: »Darf ich meinen Gelee-Spender zwischen Deine unteren Kiemen schieben?«
Bierdeckelmutation
(Jan Lipowski) Was ist eigentlich aus der Steuererklärung auf dem Bierdeckel geworden? War doch eine tolle Idee und vielleicht auch umsetzbar. Vermutlich hätten wir dann jetzt Bierdeckel im 22-Zoll-Format von IKEA-Badematten oder zumindest in der Größe von Karlsbader Obladen. Zehnfach geschichtet, wegen der notwendigen Anlagen.
Nochmal Sodoku
(Jürgen Witte) Die Macher der Sodokus sind anscheinend sehr pingelige Leute. Je schwerer die Aufgabe, die sie uns stellen, desto größer die Gefahr, dass das Rätsel auch mehrere richtige Lösungen haben könnte. Zwei Mal schon dachte ich, kurz vor Schluss, bei nur noch sechs offenen Feldern, ich hätte endlich mal einen Schussel erwischt und es gäbe tatsächlich zwei richtige Lösungsmöglichkeiten. War aber dann doch nicht.
Auf einem guten Weg
(Bov Bjerg) Eine Hochglanzzeitschrift in den Markt zu drücken, die sich von anderen Hochglanz-Zeitschriften vor allem dadurch unterscheidet, dass sie erst noch in den Markt gedrückt werden muss, das ist sicher gar nicht so einfach, und dafür muss man sich bestimmt einiges einfallen lassen. Themen, die keiner hat. Abgefahrene Reportagen, immer dicht am Puls der Zeit, sowas halt. Die deutsche Vanity Fair ist auf einem guten Weg, glaube ich. In der letzten Saison ist der VfB Deutscher Meister geworden, und was steht da am Kiosk vorn ganz groß auf dem Hochglanztitelbild? EXLUSIVE FOTOS – SO WILD FEIERTE STUTTGART!
Also ich, ich hätte das Heft fast gekauft.
Koreanische Kochkunst?
(Jürgen Witte) Als wir in das gutbürgerliche Haus einzogen, so eine typische Eisbein und Sauerkraut-Nachbarschaft, hatten wir uns zumindest von unserer direkten Nachbarin aus Korea gewisse exotische Duftnoten erhofft. Es sollte aber ganz anders kommen. Herr Weiland von obendrüber sprach mich schon nach einigen Monaten an und bemerkte nebenbei, dass aus unserer Küche nun öfters leckere Düfte durch den Hof zu ihrer Wohnung hinaufsteigen. Lob für meine Kochkunst oder dezent verbrämte Kritik? Unsere koreanische Nachbarin dagegen: Entweder man riecht garnix, oder das Odeur kohlriechenden Gemüses liegt bleischwer im Treppenhaus. Ziemlich robust, diese koreanische Küche, vermute ich mal.
zuletzt verändert: 15.09.2008 16:26